Die Schilddrüse ist der Taktgeber deines Stoffwechsels
Die Schilddrüse sitzt unscheinbar vorn am Hals, und doch hat jede Zelle deines Körpers Andockstellen für ihre Hormone. Man kann sie sich wie das Gaspedal des Stoffwechsels vorstellen. Ihre Hormone geben den Zellen das Signal, Energie zu produzieren. Was die Zelle mit dieser Energie macht, hängt davon ab, wo sie sitzt.
Darum sind die Beschwerden einer Unterfunktion so vielfältig. Im Darm sorgen die Hormone dafür, dass sich die Darmwand bewegt und Verdauungssäfte gebildet werden. Läuft die Schilddrüse langsam, wird die Verdauung träge, das Essen bleibt länger liegen, und das kann wiederum das Mikrobiom aus dem Gleichgewicht bringen. Im Gehirn helfen die Hormone, Andockstellen für Botenstoffe wie Serotonin zu bilden. Fehlen sie, wirken diese Botenstoffe schwächer, und die Stimmung sinkt. An den Eierstöcken bestimmen sie den Zyklus mit, an den Haarwurzeln das Wachstum. Und weil weniger Energie produziert wird, entsteht weniger Wärme. Du frierst.
Auch das Gewicht kann steigen. Ehrlicherweise ist der Effekt einer Unterfunktion auf den Grundumsatz aber kleiner, als viele denken. Eine größere Rolle spielt, dass Menschen mit einer trägen Schilddrüse müde sind und sich unbewusst weniger bewegen. Diese vielen kleinen Bewegungen im Alltag machen einen erstaunlich großen Teil des Kalorienverbrauchs aus. Die Schilddrüse ist deshalb fast nie die alleinige Ursache für Übergewicht.
Ein weiterer Hinweis, der oft übersehen wird, sind die Blutfette. Die Schilddrüse hilft der Leber, Cholesterin zu verarbeiten. Läuft sie langsam, steigt das Cholesterin. Wer einen erhöhten Cholesterinwert hat, sollte deshalb auch die Schilddrüse prüfen lassen.
Weil die Beschwerden so unspezifisch sind, bleibt eine Unterfunktion oft lange unerkannt. Müdigkeit wird dem Job zugeschrieben, das Frieren dem Wetter, die Stimmung dem Alltag. Genau deshalb lohnt sich ein genauer Blick ins Blut.
Warum das TSH allein nicht reicht
Als erster Suchtest für die Schilddrüse wird meist ein Wert bestimmt: das TSH. Das ist ein guter Anfang, aber es reicht oft nicht, um zu verstehen, was los ist.
Die Schilddrüse funktioniert wie ein Regelkreis mit Thermostat. Das Gehirn misst ständig, wie viel Schilddrüsenhormon im Blut ist, vor allem vom aktiven T3. Ist zu wenig da, schickt es mehr TSH an die Schilddrüse und fordert Nachschub. Ist genug da, sinkt das TSH. Das TSH zeigt also, was das Gehirn anfordert, nicht, was tatsächlich in den Zellen ankommt.
Im Lehrbuch ist das einfach: TSH hoch heißt Unterfunktion, TSH niedrig heißt Überfunktion. In der Praxis sehen wir aber viele andere Muster. Ein TSH im Normbereich kann neben einem niedrigen freien T3 stehen, weil die Umwandlung von T4 in T3 stockt. Ein niedriges TSH kann neben niedrigen Hormonen stehen, weil das Gehirn die Schilddrüse gar nicht richtig antreibt. Und ein erhöhtes TSH kann vorübergehend sein, etwa nach einem schweren Infekt, einer großen Belastung oder bei einem Eisenmangel. Zwei Menschen mit fast gleichem TSH können also eine völlig unterschiedliche Schilddrüse haben.
Darum lesen wir immer TSH, freies T4 und freies T3 zusammen, dazu die Antikörper und die Nährstoffe. Beim TSH liegt die Laborgrenze oft bei etwa 4. Viele Menschen haben aber schon deutlich darunter Beschwerden, als Optimalbereich gelten Werte unter etwa 2. Bei den freien Hormonen fühlen sich viele am wohlsten, wenn die Werte eher im oberen Teil des Referenzbereichs liegen. Das ist aber sehr individuell, und ein einzelner Wert ohne Beschwerden ist für sich allein noch kein Grund zum Handeln.
Wichtig ist auch der Zeitpunkt. Vor allem das TSH schwankt über den Tag und ist morgens höher als am Nachmittag. Darum findet die Blutabnahme morgens statt, und auffällige Werte schauen wir uns im Verlauf an, statt aus einer einzigen Messung weitreichende Schlüsse zu ziehen.
Jod, Eisen, Selen und Eiweiß: die Bausteine
Eine Schilddrüse kann nur so viele Hormone bilden, wie sie Material hat. Bei manchen Menschen mit einer trägen Schilddrüse ist nicht die Drüse selbst das Problem, sondern ihr fehlen die Bausteine. Bevor man über Hormone spricht, lohnt sich deshalb der Blick auf die Basis.
Jod ist der namensgebende Bestandteil der Hormone. Deutschland ist Jodmangelgebiet, und die Versorgung über Jodsalz geht zurück, weil Fertigprodukte und Bäckereien seltener damit arbeiten. Gute Quellen sind Seefisch und Meeresfrüchte. Weil bei uns viele Milchprodukte gegessen werden, gehören sie inzwischen zu den wichtigsten Jodlieferanten.
Eisen ist zwar kein Bestandteil der Hormone, aber das Enzym, das sie herstellt, braucht Eisen. Frauen haben durch die Periode häufiger zu wenig Eisen. Wir sehen deshalb oft beides zusammen: einen leeren Eisenspeicher und eine Schilddrüse, die nicht rund läuft. Bei manchen sinkt ein erhöhtes TSH wieder, wenn der Eisenmangel ausgeglichen ist. Wichtig ist dabei, das Ferritin richtig zu lesen. Die Laborgrenze liegt oft sehr niedrig, ein Wert unter etwa 50 ist aber bereits ein Grund zu handeln, auch ohne Blutarmut.
Selen braucht der Körper, um das Speicherhormon T4 in das aktive T3 umzuwandeln. Auch hier ist Deutschland Mangelgebiet. Ein typisches Muster bei Selenmangel ist ein unauffälliges TSH, ein ordentliches freies T4 und ein zu niedriges freies T3.
Und schließlich Eiweiß. Die Aminosäure Tyrosin ist das Grundgerüst der Hormone. Viele Menschen, vor allem Frauen, essen weniger Eiweiß, als sie brauchen.
Fehlen mehrere dieser Bausteine gleichzeitig, rutscht die Schilddrüse leicht in eine sogenannte funktionelle Unterfunktion. Die Drüse ist dann nicht krank, ihr fehlt das Material. In diesem Fall füllst du zuerst auf, und im Verlauf deiner Werte sehen wir, wie viel die Schilddrüse wieder selbst schafft. Ob danach noch Hormone nötig sind, entscheidet deine Ärztin oder dein Arzt.
Stress, Infekte und Hormone: wenn der Körper bewusst bremst
Nicht jede träge Schilddrüse hat zu wenig Material. Manchmal bremst der Körper sie absichtlich, und dann bringt es wenig, nur aufs Gas zu drücken.
In Phasen großer Belastung, nach einem schweren Infekt, bei anhaltendem Stress oder einer Entzündung im Körper wandelt der Körper mehr T4 in eine inaktive Form um, das reverse T3. Es setzt sich auf die Andockstellen der Zellen und blockiert sie, ohne selbst zu wirken. Das ist ein kluges Schutzprogramm. In einer Krise soll der Körper nicht zusätzlich Gas geben und sich verausgaben. Im modernen Alltag läuft dieses Programm aber oft monatelang, weil der Stress nicht aufhört. Im Blut sieht man dann typischerweise ein niedriges freies T3, während das freie T4 unauffällig ist.
Ein zweiter Mechanismus betrifft das Gehirn. Dieselben Schaltzentralen, die die Schilddrüse antreiben, steuern auch die Geschlechtshormone und die Stressachse. Ist dort viel Druck im System, etwa durch einen gestörten Zyklus oder dauerhaft hohes Cortisol, kann das Gehirn die Schilddrüse zu wenig anfeuern. Dann sind TSH und Hormone gleichzeitig niedrig. Wer nur auf das niedrige TSH schaut, übersieht das leicht.
Auch die Geschlechtshormone selbst spielen mit. Bei einem Übergewicht an Östrogen bildet die Leber mehr Bindungseiweiße, die Hormone im Blut festhalten. Dann ist zwar Hormon vorhanden, aber weniger davon frei und wirksam. Umgekehrt wirkt die Schilddrüse auf den Zyklus und den Eisprung. Beide Systeme können sich so gegenseitig aus dem Takt bringen.
Gerade in den Wechseljahren und bei Kinderwunsch ist die Schilddrüse deshalb ein Schlüssel. Eine träge Schilddrüse macht Zyklus und Fruchtbarkeit schwieriger, und viele Beschwerden der Wechseljahre ähneln denen einer Unterfunktion.
In all diesen Fällen setzen wir an den möglichen Ursachen an: an Stressmanagement, Schlaf, Darm, Entzündung und am Gleichgewicht der übrigen Hormone. So bekommt die Schilddrüse die Chance, wieder in ihren Takt zu finden.
