Was Östrogen für dein Haar tut
Östrogen ist so etwas wie ein Schönheitshormon. Viele Frauen merken das in jungen Jahren in der ersten Zyklushälfte, wenn das Östrogen steigt: Die Haut ist praller, das Haar glänzt, die Stimmung ist besser. Was in den Wechseljahren mit dem Haar passiert, versteht man am besten, wenn man weiß, was Östrogen dort eigentlich leistet.
Zuerst hält Östrogen die Haare in der Wachstumsphase. Jedes Haar wächst über mehrere Jahre, bevor es in eine Ruhephase wechselt und schließlich ausfällt. Je länger die Wachstumsphase dauert, desto länger und kräftiger wird das Haar, und desto mehr Haare sind gleichzeitig am Kopf. Östrogen verlängert diese Phase und sorgt dafür, dass weniger Haare vorzeitig in die Ruhephase gehen.
Zweitens verbessert Östrogen die Durchblutung der Kopfhaut. Die feinen Blutgefäße bringen Sauerstoff und Nährstoffe zur Haarwurzel. Ist die Durchblutung schlechter, kommt dort weniger an.
Drittens ist Östrogen an der Bildung von Kollagen, Elastin und Keratin beteiligt. Keratin ist der Hauptbaustein des Haares, Kollagen stützt die Haut rund um die Haarwurzel. Darum wird mit sinkendem Östrogen nicht nur das Haar dünner, sondern auch die Haut trockener und weniger elastisch, die Kopfhaut eingeschlossen.
In den Wechseljahren fallen diese Effekte nach und nach weg. Die Wachstumsphase wird kürzer, mehr Haare sind gleichzeitig in der Ruhephase, und die nachwachsenden Haare sind feiner. Viele Frauen beschreiben, dass ihr Haar nicht dramatisch ausfällt, aber Jahr für Jahr an Fülle verliert.
Wichtig ist dabei: Auch zu viel Östrogen ist für das Haar nicht gut. In der Perimenopause, also in den Jahren vor der letzten Blutung, schwankt das Östrogen stark und ist zeitweise sogar höher als früher, während das Progesteron schon fehlt. Auch diese Unruhe kann den Haarzyklus durcheinanderbringen. Es kommt nicht auf einen einzelnen Wert an, sondern auf die Balance.
Wenn die männlichen Hormone überwiegen
Auch Frauen bilden männliche Hormone, in den Eierstöcken und in der Nebenniere. In den Wechseljahren sinken sie zwar ebenfalls, aber langsamer als das Östrogen. Das Verhältnis verschiebt sich, und die männlichen Hormone bekommen verhältnismäßig mehr Gewicht, auch wenn ihr Wert gar nicht gestiegen ist.
Für die Haare hat das zwei Folgen, die auf den ersten Blick widersprüchlich wirken. Am Kopf reagieren manche Haarwurzeln empfindlich auf DHT, einen Abkömmling des Testosterons. Unter seinem Einfluss werden sie von Jahr zu Jahr kleiner, und die Haare werden feiner und kürzer. Bei Frauen zeigt sich das vor allem am Oberkopf und als breiter werdender Scheitel. Die Haarwurzeln im Gesicht reagieren dagegen ganz anders: Dort regen männliche Hormone das Wachstum an. Deshalb tauchen bei vielen Frauen in dieser Phase plötzlich dunkle Haare an Kinn und Oberlippe auf.
Ob und wie stark das passiert, hängt zum großen Teil von der Veranlagung ab, also davon, wie empfindlich deine Haarwurzeln sind. Andere Faktoren verstärken es aber. Fehlt das Progesteron, entfällt eine Bremse für die Umwandlung von Testosteron in DHT. Dauerstress kann über die Nebenniere zusätzlich männliche Hormone liefern. Und ein hoher Insulinspiegel senkt das SHBG, ein Eiweiß, das Hormone im Blut bindet. Ist es niedrig, ist mehr freies und wirksames Testosteron unterwegs.
Genau hier lässt sich ansetzen. Ein stabiler Blutzucker senkt das Insulin, und das kann das SHBG wieder steigen lassen. Krafttraining und genug Eiweiß verbessern die Insulinsensitivität, die in den Wechseljahren ohnehin schlechter wird. Und ein guter Umgang mit Stress nimmt der Nebenniere Arbeit ab.
Werden sehr schnell sehr viele Haare im Gesicht oder am Körper sichtbar, oder verändert sich die Stimme, solltest du das ärztlich abklären lassen. Das ist selten, sollte aber nicht einfach den Wechseljahren zugeschrieben werden.
Eisen, Schilddrüse und Stress: die oft übersehenen Mitspieler
Wenn das Haar in den Wechseljahren dünner wird, liegt die Erklärung „Das sind eben die Hormone“ nahe. Oft stimmt sie nur zur Hälfte. Denn in dieser Lebensphase kommen häufig weitere Gründe dazu, die sich viel leichter beeinflussen lassen.
Der erste ist Eisen. In der Perimenopause bleibt der Eisprung immer öfter aus. In diesen Zyklen fehlt das Progesteron, das sonst die Gebärmutterschleimhaut begrenzt, und die Blutungen werden oft stärker und länger. Jede starke Blutung kostet Eisen. Ein leerer Eisenspeicher macht nicht nur müde, sondern ist einer der häufigsten Gründe für Haarausfall bei Frauen. Ein Ferritin unter etwa 50 ist ein Grund, aktiv zu werden, auch wenn das Blutbild noch unauffällig ist. Nach der letzten Blutung füllen sich die Speicher bei vielen Frauen wieder, solange sie sich gut versorgen.
Der zweite ist die Schilddrüse. Sie gerät in dieser Lebensphase häufig aus dem Takt, und eine Unterfunktion macht Beschwerden, die denen der Wechseljahre sehr ähneln: Müdigkeit, Frieren, Gewichtszunahme, trockene Haut und dünnes, glanzloses Haar. Wer mit einer trägen Schilddrüse in die Wechseljahre startet, spürt die Umstellung oft doppelt. Darum schauen wir nicht nur auf das TSH, sondern auch auf die freien Schilddrüsenhormone.
Der dritte ist Stress. Viele Frauen stehen in ihren Vierzigern und Fünfzigern beruflich voll im Leben, kümmern sich um Kinder und oft auch schon um die eigenen Eltern. Gleichzeitig schlafen sie schlechter, weil das beruhigende Progesteron fehlt. Dauerhaft erhöhtes Cortisol verschlechtert die Durchblutung der Kopfhaut, fördert stille Entzündungen und kann sogar die Umwandlung der Schilddrüsenhormone in ihre aktive Form bremsen.
Eine besonders stressige Phase kann außerdem einen telogenen Haarausfall auslösen, der erst zwei bis drei Monate später sichtbar wird. Dann überlagern sich zwei Dinge: das langsame Ausdünnen durch die Hormone und ein plötzlicher Schub. Wer beides auseinanderhält, weiß, wo er ansetzen kann.
Was jetzt hilft und wo die Grenzen liegen
Die Wechseljahre lassen sich nicht aufhalten. Aber du kannst viel dafür tun, dass dein Haar gut durch diese Phase kommt.
Iss genug, und vor allem genug Eiweiß. Viele Frauen reagieren auf die ersten Kilos am Bauch mit einer Diät. Für die Haare ist das oft der falsche Weg, denn zu wenig Essen ist für den Körper Stress und kann selbst einen Haarausfall auslösen. Eiweiß liefert die Bausteine für Keratin und schützt gleichzeitig Muskeln und Knochen.
Halte deinen Blutzucker ruhig. Mahlzeiten mit Eiweiß, Gemüse, gesunden Fetten und Kohlenhydraten mit vielen Ballaststoffen beugen starken Insulinspitzen vor. Das entlastet das Hormonsystem und kann den Einfluss der männlichen Hormone dämpfen. Krafttraining zwei- bis dreimal pro Woche unterstützt das zusätzlich.
Füll die Speicher, die fehlen. Eisen, Zink, Kupfer, Selen, Vitamin D und Omega-3 werden gemessen und gezielt ausgeglichen. Bei den Mineralien schauen wir auf das Vollblut, weil sie größtenteils in den Zellen sitzen.
Nimm Stress und Schlaf ernst. Ein fester Abendrhythmus, weniger Bildschirm am Abend und regelmäßige Entspannungsübungen sind für die Haare kein Luxus, sondern Teil des Plans.
Und dann gibt es die Hormone selbst. Für manche Frauen ist ein ärztlich begleiteter Hormonersatz eine gute Option, auch für Haut und Haare. Ob das für dich in Frage kommt, welche Form und welche Dosis, entscheidest du mit deiner Frauenärztin oder deinem Frauenarzt. Wir kümmern uns um die Grundlagen, damit dein Körper bestmöglich vorbereitet ist, und sagen dir, wenn deine Beschwerden für ein ärztliches Gespräch sprechen.
Bei erblich bedingtem Haarausfall, kreisrunden kahlen Stellen oder einer entzündeten Kopfhaut ist zudem eine hautärztliche Einschätzung sinnvoll. Je früher gegengesteuert wird, desto mehr lässt sich erhalten.



