Warum „alles im Normbereich“ nicht heißt, dass alles gut ist
Der Referenzbereich auf deinem Befund ist keine Gesundheitsgrenze, sondern Statistik. Er bildet ab, welche Werte bei den Menschen vorkommen, die sich Blut abnehmen lassen. Das sind überwiegend Menschen, die schon Beschwerden haben oder krank sind, denn kaum jemand lässt vorbeugend messen. Der „Normalbereich“ ist also der Bereich, in dem die meisten Getesteten liegen, nicht der Bereich, in dem es dem Körper gut geht.
Dazu kommt: Jedes Labor hat eigene Bereiche, teils sogar eigene Einheiten für denselben Wert. Wer zwei Befunde aus verschiedenen Laboren vergleicht, vergleicht manchmal Äpfel mit Birnen.
Viele dieser Grenzen sind so gesetzt, dass sie eine Krankheit erkennen. Wer darunter oder darüber liegt, ist auffällig. Wer innerhalb liegt, wird durchgewunken. Genau dazwischen liegt aber ein großer Graubereich: Menschen ohne Diagnose, deren Werte trotzdem nicht dort sind, wo sich der Körper wohlfühlt.
Ein Beispiel ist das Ferritin, der Eisenspeicher. Die Referenz reicht teils von etwa 10 bis 300, da fällt fast jeder hinein. Ein Wert unter etwa 50 gilt aber bereits als Eisenmangel ohne Blutarmut. Viele Frauen haben genau das, mit fast denselben Beschwerden wie bei einer Blutarmut: Müdigkeit, Haarausfall, wenig Belastbarkeit, Kurzatmigkeit beim Treppensteigen. Erkannt wird es oft nicht, weil das Hämoglobin noch normal ist.
Ähnlich ist es bei der Schilddrüse. Die Referenz für das TSH reicht teils bis über 4. Viele Menschen haben aber schon deutlich darunter Beschwerden. Optimal liegt es meist unter 2.
Darum schauen wir auf den Optimalbereich. Das ist der Bereich, in dem ein Wert für deine Gesundheit günstig ist, abhängig von deinem Alter, deinem Geschlecht und deinen Zielen. Ein Ausdauersportler braucht zum Beispiel ein anderes Hämoglobin als jemand, der zweimal pro Woche Krafttraining macht. Und umgekehrt gilt: Wer außerhalb der Referenz liegt, ist nicht automatisch krank. Es kommt immer auf den Wert, die Person und das Gesamtbild an.
Insulin: der Wert, der fast immer fehlt
Beim Hausarzt wird fast immer der Nüchternblutzucker gemessen. Das Insulin dazu fehlt meistens. Dabei ist es oft der aussagekräftigere Wert.
Insulin ist ein Hormon aus der Bauchspeicheldrüse. Nach dem Essen steigt dein Blutzucker, und Insulin sorgt dafür, dass der Zucker aus dem Blut in die Zellen kommt, vor allem in die Muskeln, die Leber und das Fettgewebe. Man kann es sich vorstellen wie einen Schlüssel, der die Zellen für den Zucker aufschließt.
Bei einer Insulinresistenz klemmt das Schloss. Die Zellen reagieren schlechter auf Insulin. Die Bauchspeicheldrüse gleicht das aus, indem sie immer mehr Insulin ausschüttet. Mit viel Insulin bekommt der Körper den Blutzucker noch eine ganze Weile in den Griff, oft über Jahre. Der Nüchternblutzucker bleibt dabei normal, und niemand merkt etwas. Erst wenn die Bauchspeicheldrüse nicht mehr hinterherkommt, steigt auch der Blutzucker. Dann ist schon viel passiert.
Genau deshalb ist das Insulin so wertvoll: Es zeigt die Arbeit, die der Körper leisten muss, lange bevor der Zucker entgleist. Die Labornorm reicht teils bis 30, optimal sind aber Werte unter 8. Aus Nüchternzucker und Nüchterninsulin lässt sich zusätzlich der HOMA-Index berechnen. Optimal liegt er unter 1,5. Ab etwa 2,5 spricht vieles für eine Insulinresistenz.
Dazu kommt der Langzeitblutzucker, das HbA1c. Er zeigt, wie hoch dein Blutzucker im Schnitt der letzten zwei bis drei Monate war. Optimal liegt er um 5,3 %. Ab 5,7 % spricht man von einem Vorstadium des Diabetes, die Übergänge sind aber fließend.
Warum das auch für dein Wohlbefinden wichtig ist: Insulin ist ein Speicherhormon. Solange viel davon im Blut ist, baut der Körper kaum Fett ab. Viele, die trotz Diät nicht abnehmen, haben genau hier ihren Bremsklotz. Und eine Insulinresistenz macht sich oft auch durch Heißhunger, Müdigkeit nach dem Essen und Energietiefs am Nachmittag bemerkbar.
Homocystein: klein, aber wichtig
Homocystein ist einer der Werte, die kaum jemand kennt und die fast nie gemessen werden. Dabei sagt er viel aus.
Homocystein ist ein Zwischenprodukt im Stoffwechsel. Es entsteht, wenn der Körper die Aminosäure Methionin verarbeitet, die du mit eiweißreicher Nahrung aufnimmst. Normalerweise wird Homocystein schnell weiterverarbeitet, entweder zurück zu Methionin oder weiter zu anderen nützlichen Stoffen. Für diese Weiterverarbeitung braucht der Körper drei Helfer: die Vitamine B6, B9 (Folat) und B12.
Fehlt einer dieser Helfer, staut sich das Homocystein im Blut. Ein erhöhter Wert ist deshalb ein guter Hinweis darauf, dass deine B-Vitamin-Versorgung nicht reicht, auch wenn die einzelnen Vitamine im Blut noch normal aussehen. Wir sehen das sehr häufig.
Warum ein erhöhtes Homocystein ungünstig ist: Es belastet die Innenwand der Blutgefäße. Diese dünne Zellschicht, das Endothel, sorgt dafür, dass die Gefäße elastisch bleiben und sich weit stellen können. Homocystein kann sie schädigen und dort Entzündungen fördern. An einer entzündeten Gefäßwand können sich Cholesterinteilchen leichter festsetzen. Deshalb gilt ein dauerhaft erhöhtes Homocystein als eigener Risikofaktor für die Gefäße.
Dazu kommt: Der Stoffwechselweg, in dem Homocystein entsteht, liefert auch Methylgruppen. Das sind kleine Bausteine, die der Körper für die Bildung von Botenstoffen im Gehirn, für den Abbau von Hormonen und für viele weitere Vorgänge braucht. Ein erhöhtes Homocystein zeigt also auch, dass dieser wichtige Kreislauf nicht rund läuft.
Die gute Nachricht: Homocystein lässt sich meist gut beeinflussen. Mit einer gezielten Versorgung mit B-Vitaminen in der passenden Form und einer Ernährung mit genug Folat, etwa aus grünem Blattgemüse und Hülsenfrüchten, sinkt der Wert oft schon nach einigen Wochen. Ob es geklappt hat, zeigt der Verlauf deiner Werte.
Cholesterin verständlich erklärt
Cholesterin hat einen schlechten Ruf, ist aber lebenswichtig. Dein Körper braucht es für jede Zellwand, für Hormone wie Östrogen, Testosteron und Cortisol und für Vitamin D. Den größten Teil bildet er selbst in der Leber.
Weil Cholesterin ein Fett ist, kann es nicht einfach im Blut schwimmen. Es wird in kleinen Transportern durch den Körper gefahren, den Lipoproteinen. Die bekanntesten sind LDL und HDL. Das LDL bringt Cholesterin von der Leber zu den Zellen, das HDL bringt überschüssiges Cholesterin zurück zur Leber. Darum heißt das LDL oft „schlechtes“ und das HDL „gutes“ Cholesterin. Ganz so einfach ist es aber nicht.
Stell dir die Transporter wie Lieferwagen auf einer Straße vor. Der LDL-Wert auf deinem Befund zeigt, wie viel Ladung insgesamt unterwegs ist, also wie viel Cholesterin in allen Lieferwagen zusammen steckt. Für deine Gefäße zählt aber vor allem, wie viele Lieferwagen unterwegs sind. Denn je mehr Lieferwagen auf der Straße sind, desto öfter bleibt einer hängen. In den Gefäßen heißt das: Die Teilchen dringen in die Gefäßwand ein und lagern sich dort ab. Daraus entstehen über Jahre die Ablagerungen, die man Arteriosklerose nennt.
Genau diese Zahl der Lieferwagen zeigt das Apolipoprotein B, kurz ApoB. Jedes der Teilchen, die sich ablagern können, trägt genau ein ApoB-Molekül. Darum gilt ApoB als einer der wichtigsten Werte für das Herz-Kreislauf-Risiko. Zwei Menschen können dasselbe LDL haben und trotzdem eine ganz unterschiedliche Zahl an Teilchen, etwa weil die Teilchen bei einem klein und zahlreich sind. In Deutschland wird ApoB noch selten gemessen, bei uns gehört es dazu.
Wie gefährlich die Teilchen werden, hängt auch vom Zustand der Gefäßwand ab. Ist sie entzündet, etwa durch ein erhöhtes Homocystein, durch Rauchen, Bluthochdruck oder eine Insulinresistenz, haben es die Teilchen leichter, sich festzusetzen. Darum schauen wir die Blutfette nie allein an, sondern immer zusammen mit Entzündungswerten und Blutzucker.
Das „große Blutbild“ ist kleiner, als es klingt
Wenn beim Hausarzt vom großen Blutbild die Rede ist, klingt das nach einem umfassenden Check. Tatsächlich ist es vor allem ein Bild der Blutzellen: rote und weiße Blutkörperchen, Blutplättchen. Dazu kommen meist ein paar Leberwerte, etwas Blutzucker, die Blutfette und vielleicht die Harnsäure.
Für die Frage, ob du krank bist, ist das ein sinnvoller Anfang. Für die Frage, warum du dich nicht gut fühlst, reicht es oft nicht. Nährstoffe, Hormone und Entzündungsmarker fehlen fast immer. Dabei sind es oft genau diese einfachen Dinge, die den Unterschied machen.
Typische Beispiele aus unserer Praxis: Die Schilddrüse wird nur über das TSH beurteilt. Das TSH ist aber nur das Signal, mit dem das Gehirn die Schilddrüse antreibt. Die freien Hormone T4 und T3 zeigen, ob tatsächlich genug ankommt. T4 ist dabei die Vorstufe, T3 die aktive Form, die in den Zellen wirkt. Für die Umwandlung von T4 in T3 braucht der Körper Selen. Ein einfacher Selenmangel kann sie bremsen, und niemand misst Selen.
Bei Frauen bleiben oft Eisen-, Jod- und Selenmangel gleichzeitig unentdeckt, obwohl genau diese drei Nährstoffe für die Schilddrüse wichtig sind. Bei Männern wird oft nur das Gesamttestosteron bestimmt. Ein großer Teil davon ist aber an ein Eiweiß im Blut gebunden und steht dem Körper nicht direkt zur Verfügung. Darum gehört das freie Testosteron dazu, und auch das Verhältnis zum Östrogen.
Das heißt nicht, dass man immer etwas findet, wenn man mehr misst. Darum geht es auch nicht. Aber Hormone, Entzündungsmarker und die wichtigsten Nährstoffe sollte man kennen, bevor man sagt, dass alles in Ordnung ist.
Befund mitgebracht? Und so holst du das Beste aus deiner Blutabnahme
Viele kommen mit einem Stapel Befunde zu uns: Blutbilder vom Hausarzt, Mikrobiomanalysen, Atemtests, manchmal über Jahre gesammelt. Nichts davon geht verloren. Wir schauen uns alles zusammen mit deiner Geschichte an und zeigen dir, wie die Werte zusammenhängen und wie sie sich über die Zeit entwickelt haben.
Je nach Alter eines Befunds musst du manche Werte nicht noch einmal messen lassen und sparst so Geld. Die Grenze liegt bei etwa sechs Monaten. Wichtige Entscheidungen auf ältere Blutwerte zu stützen, macht in der Regel keinen Sinn, weil sich vieles in dieser Zeit verändert. Oft ist der mitgebrachte Befund aber nur ein großes Blutbild mit ein paar Organwerten. Dann empfehlen wir dir, welche Werte zusätzlich sinnvoll sind.
Damit die neuen Werte aussagekräftig sind, kommt es auf die Blutabnahme an. Darum bekommst du von uns vorher eine klare Anleitung. Die wichtigsten Punkte:
Geh morgens zur Blutabnahme, am besten zwischen 8 und 10 Uhr, und nüchtern. Viele Werte folgen einem Tagesrhythmus. Cortisol zum Beispiel ist morgens am höchsten und fällt über den Tag ab. Insulin und Blutzucker verändern sich mit jeder Mahlzeit.
Setz bestimmte Supplements vorher ab, so wie wir es dir sagen. Biotin zum Beispiel kann einige Labortests verfälschen, auch die Schilddrüsenwerte. Und wer am Vortag hoch dosiertes Eisen genommen hat, misst das Präparat und nicht seinen Speicher.
Geh nicht mit einem Infekt zur Blutabnahme. Entzündungswerte, Eisenwerte und weitere Marker verändern sich, wenn dein Immunsystem gerade arbeitet. Das Ferritin zum Beispiel steigt bei einer Entzündung an und täuscht dann einen vollen Speicher vor. Dann misst du den Infekt und nicht dich.
