Wie viel Haarausfall ist noch normal?
Jedes Haar fällt irgendwann aus. Das ist kein Fehler, sondern Teil eines ständigen Kreislaufs: Ein Haar wächst über Jahre, ruht dann einige Wochen bis Monate und wird schließlich von einem neuen Haar aus derselben Wurzel abgelöst. Als grober Richtwert gelten etwa 100 Haare am Tag als normal. An Waschtagen sind es meist mehr, weil beim Shampoonieren und Kämmen alle Haare auf einmal herauskommen, die sich in den Tagen davor gelöst haben.
Weil niemand seine Haare täglich zählt, hilft ein anderer Blick. Entscheidend ist nicht die Zahl an einem einzelnen Tag, sondern die Veränderung. Fallen über Wochen deutlich mehr Haare aus als früher? Ist der Zopf dünner geworden, der Scheitel breiter, schimmert die Kopfhaut durch? Dann lohnt es sich, genauer hinzuschauen.
Auch die Dauer gibt einen Hinweis. Ein vorübergehender Haarausfall nach einem klaren Auslöser dauert meist einige Monate und hört dann von selbst wieder auf. Zieht er sich über mehr als etwa ein halbes Jahr, sprechen Fachleute von einem chronischen Verlauf. Dann steckt oft etwas dahinter, das noch nicht behoben ist, etwa ein Mangel, ein Hormonthema oder dauerhafter Stress.
Ein kleiner Trost: Meist bemerkst du den Verlust deutlich früher, als andere überhaupt etwas sehen. Du kennst dein Haar am besten. Wenn du das Gefühl hast, dass sich etwas verändert, ist das ein guter Grund, in Ruhe nach der Ursache zu suchen, auch wenn andere noch gar nichts bemerken.
Wichtig ist, nicht in Panik zu verfallen. Die allermeisten Formen von Haarausfall lassen sich erklären, und bei vielen wachsen die Haare wieder nach, sobald der Auslöser behoben ist.
Diffus, im Muster oder in Flecken: was das Bild verrät
Wie und wo die Haare ausfallen, sagt oft schon viel über die Ursache. Darum fragen wir in der Anamnese so genau nach.
Fallen die Haare gleichmäßig verteilt am ganzen Kopf aus, spricht man von diffusem Haarausfall. Das ist die häufigste Form. Meist steckt ein telogenes Effluvium dahinter: Ein Auslöser wie Stress, ein Infekt, eine Diät, ein Nährstoffmangel oder eine Hormonumstellung schickt viele Haare gleichzeitig in die Ruhephase. Die Haarwurzeln bleiben dabei intakt, deshalb wachsen die Haare nach, wenn der Auslöser wegfällt.
Folgt der Haarverlust einem Muster, denkt man an erblich bedingten Haarausfall. Bei Männern beginnt er typischerweise mit Geheimratsecken und einer lichter werdenden Stelle am Hinterkopf. Bei Frauen wird eher der Mittelscheitel breiter, und das Haar am Oberkopf dünnt aus, eine Glatze entsteht dabei selten. Hier werden die Haarwurzeln unter dem Einfluss von DHT von Jahr zu Jahr kleiner.
Brechen die Haare eher ab, als dass sie mit der Wurzel ausfallen, ist das Haar selbst geschwächt. Das passiert bei Nährstoffmängeln, bei einer langsamen Schilddrüse oder durch Hitze, Chemie und starken Zug beim Frisieren. Der Körper läuft dann gewissermaßen auf Sparflamme und baut ein schwächeres Haar.
Selten fallen Haare innerhalb weniger Tage oder Wochen massenhaft aus, weil ein sehr starker schädigender Einfluss die Haarwurzel direkt trifft. Fachleute sprechen dann vom dystrophen Effluvium. Auch das gehört in ärztliche Betreuung.
Ganz anders ist es bei runden, scharf begrenzten kahlen Stellen. Das spricht für kreisrunden Haarausfall, bei dem das Immunsystem die eigenen Haarwurzeln angreift. Auch eine gerötete, schuppende oder vernarbte Kopfhaut und plötzlicher, sehr starker Haarverlust gehören zuerst in hautärztliche Hände. Wir sagen dir offen, wenn wir den Eindruck haben, dass das bei dir der richtige erste Schritt ist. Nach der hautärztlichen Abklärung begleiten wir kreisrunden Haarausfall gern ergänzend und schauen auf Nährstoffe, Darm, Stress und Immunsystem.
Warum die Haare beim Sparen zuerst dran sind
Die Zellen in der Haarwurzel gehören zu den teilungsfreudigsten im ganzen Körper. Jeden Tag entstehen dort neue Zellen, aus denen das Haar wächst. Dafür braucht die Wurzel Energie, Sauerstoff, Eiweißbausteine und eine ganze Reihe von Mikronährstoffen.
Gerät der Körper in eine Mangellage, setzt er Prioritäten. Herz, Gehirn und Muskeln werden zuerst versorgt. Volles Haar ist für das Überleben nicht nötig, also wird dort zuerst gespart. Darum sind Haare oft eines der ersten sichtbaren Zeichen, dass im Körper etwas fehlt.
Eisen spielt dabei eine Hauptrolle. Es transportiert den Sauerstoff zu den Zellen und wird auch für die Schilddrüse gebraucht, die das Haarwachstum mitsteuert. Wichtig ist der Speicher, das Ferritin. Die Laborreferenz ist oft sehr weit gefasst, ein Wert unter etwa 50 ist aber schon ungünstig. Viele Frauen haben einen Eisenmangel ohne Blutarmut, und er wird übersehen, weil das Blutbild noch unauffällig ist.
Kupfer hilft beim Transport des Eisens im Körper und ist an der Durchblutung der Kopfhaut und der Bildung von Kollagen beteiligt. Zink wird für die Zellteilung, die Wundheilung der Kopfhaut und den Schutz der Haarwurzel vor oxidativem Stress gebraucht. B-Vitamine liefern Energie und sind für die Zellteilung nötig, Vitamin D hat seine Andockstellen direkt am Haarfollikel.
Stress verschärft das Ganze. Dauerhaft erhöhtes Cortisol verschlechtert die Durchblutung der Kopfhaut, fördert Entzündungen und kann die Umwandlung der Schilddrüsenhormone in ihre aktive Form bremsen. Und wenn der Darm Nährstoffe schlecht aufnimmt, kommt auch bei guter Ernährung zu wenig an. Darum schauen wir nie nur auf einen Wert, sondern auf das Zusammenspiel. Ein einzelnes Präparat kann eine Lücke schließen, aber nur, wenn es genau die Lücke ist, die bei dir besteht.
Die Spurensuche: Was war vor drei Monaten?
Weil Haare beim telogenen Effluvium erst zwei bis drei Monate nach dem Auslöser ausfallen, liegt die Ursache fast immer in der Vergangenheit. Viele Betroffene suchen deshalb an der falschen Stelle, nämlich in den letzten Tagen.
Ein guter erster Schritt ist ein Blick in den Kalender. Hattest du vor zwei bis drei Monaten eine besonders stressige Phase im Job oder in der Familie? Einen Infekt mit Fieber, eine Operation oder einen Unfall? Hast du eine Diät gemacht, bei der du schnell abgenommen hast? Hast du die Pille abgesetzt oder ein Kind bekommen?
Auch Medikamente gehören auf die Liste. Manche Wirkstoffe können als Nebenwirkung Haarausfall auslösen, meist einige Wochen bis Monate nach Beginn der Einnahme. Setz deshalb nie etwas auf eigene Faust ab, sondern sprich mit deiner Ärztin oder deinem Arzt, wenn neuer Haarausfall und ein neues Medikament zeitlich zusammenfallen.
Dann die Gewohnheiten. Rauchen schadet den Haarwurzeln, vermutlich über oxidativen Stress und eine schlechtere Durchblutung der Kopfhaut. Viel Alkohol kann Nährstoffmängel begünstigen. Sehr straffe Frisuren über Jahre, tägliches Glätten auf höchster Stufe oder häufiges Blondieren schwächen das Haar zusätzlich.
Bei Diäten lohnt ein zweiter Blick. Es geht nicht nur um die Kalorien. Wer über Wochen zu wenig Eiweiß, Eisen und Zink bekommt, bringt die Haarwurzeln in eine Notlage, auch wenn die Waage zufrieden aussieht.
Oft findet sich nicht ein einziger Auslöser, sondern mehrere, die sich gegenseitig verstärken. Eine Frau mit niedrigem Ferritin übersteht vielleicht eine stressige Phase gut. Kommt aber noch ein Infekt dazu, reicht es nicht mehr. Genau deshalb hilft es so wenig, einfach ein Haar-Präparat zu kaufen. Wer den Auslöser kennt, kann gezielt gegensteuern und ihm künftig besser vorbeugen.



