Wie ein Atemtest funktioniert
Ein Atemtest klingt erst einmal ungewöhnlich. Was hat die Atemluft mit dem Darm zu tun? Mehr, als man denkt.
Wenn Bakterien Kohlenhydrate vergären, entstehen Gase, vor allem Wasserstoff und bei manchen Menschen Methan. Ein Teil dieser Gase bleibt im Darm, verursacht Blähungen und verlässt den Körper als Wind. Ein anderer Teil wird ins Blut aufgenommen, gelangt zur Lunge und wird ausgeatmet. Genau diesen Teil misst der Atemtest.
Der Ablauf ist einfach. Du gibst morgens nüchtern eine erste Atemprobe ab, den Ausgangswert. Dann trinkst du eine Testlösung mit einem bestimmten Zucker. Anschließend pustest du in regelmäßigen Abständen über zwei bis drei Stunden in kleine Röhrchen. Das Labor misst in jeder Probe, wie viel Wasserstoff und Methan darin ist. So entsteht eine Kurve.
Welcher Zucker in der Testlösung steckt, hängt von der Frage ab. Für eine Laktoseunverträglichkeit trinkst du Milchzucker, für eine Fruktosemalabsorption Fruchtzucker. Für die Frage nach einer Dünndarmfehlbesiedlung nutzt man meist Laktulose oder Glukose. Laktulose ist ein Zucker, den der Mensch nicht verdauen kann. Er wandert durch den ganzen Dünndarm bis in den Dickdarm und zeigt so auf dem Weg, wo Bakterien ihn vergären. Darum dauert dieser Test meist drei Stunden.
Das Prinzip dahinter: Ein gesunder Dünndarm nimmt Milchzucker und Fruchtzucker auf, bevor die Bakterien des Dickdarms herankommen. Steigen die Gase nach der Testlösung deutlich an, hat die Aufnahme nicht geklappt oder es sitzen Bakterien dort, wo sie nicht hingehören. Der Zeitpunkt des Anstiegs hilft dabei zu unterscheiden. Ein früher Anstieg spricht eher dafür, dass schon im Dünndarm vergoren wird. Ein später Anstieg passt eher dazu, dass der Zucker erst im Dickdarm ankommt.
Wichtig ist, immer Wasserstoff und Methan zu messen. Manche Menschen bilden kaum Wasserstoff, dafür viel Methan. Wird nur der Wasserstoff gemessen, wirkt der Befund dann unauffällig, obwohl die Beschwerden echt sind und es dem Menschen schlecht geht.
Der große Vorteil des Atemtests: Er ist nicht belastend, du machst ihn bequem zu Hause, und er zeigt etwas, das sonst nur mit großem Aufwand messbar wäre.
Richtig vorbereiten: Darauf kommt es an
Bei kaum einem Test hängt so viel von der Vorbereitung ab wie beim Atemtest. Die Vorbereitung ist aufwendiger als bei einer Blutabnahme, und genau deshalb lohnt es sich, sie ernst zu nehmen. Sonst misst der Test das Abendessen und nicht deinen Darm.
In den Wochen davor: Antibiotika verändern das Mikrobiom deutlich. Hast du kürzlich welche genommen, sollte zwischen der Einnahme und dem Test ein ausreichender Abstand liegen. Auch Abführmittel und manche Präparate, die die Darmbewegung anregen, können das Ergebnis verfälschen. Welche Mittel du wann pausieren solltest, besprechen wir vorher mit dir. Medikamente setzt du nur nach Rücksprache mit deiner Ärztin oder deinem Arzt ab.
Am Tag vor dem Test: Iss eine einfache Kost ohne vergärbare Kohlenhydrate. Gut geeignet sind zum Beispiel Reis, Fisch, Fleisch und Eier. Verzichte auf Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte, Vollkorn, Milchprodukte und Süßes, denn all das füttert die Bakterien und lässt den Ausgangswert schon vor dem Test steigen. Dann kannst du einen Anstieg nicht mehr sauber erkennen.
Am Testmorgen: Mach den Test nüchtern, nach einer Nacht ohne Essen. Verzichte auf Kaffee, Kaugummi und Zigaretten, denn auch das kann die Werte beeinflussen. Ein paar Schlucke Wasser sind in Ordnung. Während des Tests bleibst du möglichst ruhig, machst keinen Sport und isst nichts, bis die letzte Probe abgegeben ist.
Und dann der wichtigste Punkt: genaue Zeiten. Notiere, wann du die Testlösung getrunken und wann du jede Probe abgegeben hast. Schreib auch auf, wann welche Beschwerden aufgetreten sind. Diese Notizen sind für die Einordnung fast so wertvoll wie die Messwerte selbst.
Eine Ausnahme gibt es beim Fruchtzucker. Die erbliche Fruktoseintoleranz ist eine seltene Erkrankung der Leber und etwas völlig anderes als die häufige Fruktosemalabsorption im Darm. Sie wird meist schon im Kindesalter erkannt. Wer sie hat, darf keinen Fruktosetest machen. Gibt es in deiner Vorgeschichte Hinweise darauf, gehört die Frage in ärztliche Hände.
Die Kurven lesen: Wasserstoff, Methan und das Muster
Wenn der Befund zurückkommt, sieht er auf den ersten Blick aus wie ein Diagramm aus dem Matheunterricht. Zwei Linien, eine für Wasserstoff und eine für Methan, über die Zeit aufgetragen. Was steckt darin?
Zuerst der Ausgangswert. Ist er schon vor der Testlösung hoch, kann das an der Vorbereitung liegen, etwa an einem ballaststoffreichen Abendessen. Es kann aber auch ein Hinweis auf eine Fehlbesiedlung sein. Darum ist die Vorbereitung so wichtig: Nur wenn sie stimmt, lässt sich ein hoher Ausgangswert sinnvoll deuten.
Dann der Anstieg. Für eine Wasserstoff-Fehlbesiedlung gilt als ein gängiger Richtwert ein Anstieg von mehr als 20 ppm innerhalb der ersten 90 Minuten. Für Methan liegt ein häufig genannter Richtwert bei über 12 ppm. Die Grenzen unterscheiden sich aber je nach Labor und Testprotokoll, und sie sind Orientierung, keine harten Grenzen.
Die beiden Gase haben dabei typische Begleiter. Wer viel Wasserstoff bildet, hat eher Durchfall und Blähungen. Wer viel Methan bildet, hat eher Verstopfung, denn Methan bremst die Darmbewegung. Häufig kommen beide Formen zusammen vor. Daneben gibt es eine dritte, seltenere Form mit Schwefelwasserstoff, die sich mit gängigen Atemtests schwer erfassen lässt. Ein auffallend flacher Kurvenverlauf trotz starker Beschwerden kann ein Hinweis darauf sein.
Beim Laktose- und Fruktosetest geht es um dieselben Gase, aber um eine andere Frage. Steigen sie nach Milchzucker oder Fruchtzucker deutlich an und bekommst du gleichzeitig Beschwerden, spricht das dafür, dass dein Dünndarm diesen Zucker gerade nicht gut aufnimmt.
Und dann gibt es die Fälle, in denen Kurve und Mensch nicht zusammenpassen. Manchmal ist ein Test unauffällig, und die Beschwerden passen trotzdem genau ins Bild. Manchmal ist er auffällig, und es geht der Person erstaunlich gut. Darum lesen wir eine Kurve nie allein, sondern immer zusammen mit deinen Beschwerden, deiner Vorbereitung und deiner Geschichte. Ein Befund ist ein Hinweis, die Einordnung entsteht im Gespräch.
Was nach dem Befund kommt
Ein auffälliger Atemtest ist kein Urteil fürs Leben. Er ist ein Startpunkt.
Bei einer Laktoseunverträglichkeit oder Fruktosemalabsorption ist die gute Nachricht, dass viele davon erworben sind. Das Enzym für den Milchzucker und der Transporter für den Fruchtzucker sitzen in der Dünndarmschleimhaut. Ist die Schleimhaut gereizt oder das Mikrobiom verschoben, bildet sie weniger davon. Beruhigt sie sich, kann sich auch die Verträglichkeit bessern. Darum geht es bei uns nicht nur ums Weglassen, sondern um die Frage, warum die Unverträglichkeit entstanden ist. Eine Ausnahme ist die genetisch bedingte Form, bei der die Bildung des Enzyms nach der Kindheit nachlässt und die in Teilen der Welt sogar die Regel ist. Hier hilft es eher, die eigene Verträglichkeitsgrenze zu kennen.
Auch die Menge zählt. Kleine Mengen Milchzucker oder Fruchtzucker vertragen viele Menschen trotz Unverträglichkeit gut. Wer seine Grenze kennt, muss nicht auf alles verzichten.
Bei einer Dünndarmfehlbesiedlung ist das Vorgehen umfangreicher. Ob und wie die Bakterien im Dünndarm medikamentös behandelt werden, entscheidet deine Ärztin oder dein Arzt. Wir begleiten die Ernährung und die Umsetzung. Oft gehört dazu eine Phase mit wenig vergärbaren Kohlenhydraten, bekannt als Low-FODMAP. FODMAPs sind bestimmte Zucker und Ballaststoffe, etwa in Zwiebeln, Knoblauch, Hülsenfrüchten oder manchen Obstsorten, die von Bakterien besonders schnell vergoren werden. In dieser Phase gehen die Beschwerden bei vielen deutlich zurück, ganz verschwinden muss das Gefühl von Gas im Bauch aber nicht sofort. Danach werden die Lebensmittel schrittweise wieder eingeführt, denn eine dauerhaft eingeschränkte Ernährung würde dem Mikrobiom eher schaden.
Mindestens so wichtig ist die Frage nach dem Warum. Eine Fehlbesiedlung kommt oft wieder, wenn die Ursache bestehen bleibt. Dazu gehören eine träge Darmbewegung, Stress, eine verminderte Verdauungsleistung oder eine träge Schilddrüse. Genau dort setzen wir mit an, damit dein Bauch nicht nur vorübergehend Ruhe gibt.
