Wie die Schilddrüse den Weg zur Schwangerschaft mitsteuert
Die Schilddrüse ist ein kleines, schmetterlingsförmiges Organ am Hals, aber ihre Hormone wirken in jeder Zelle des Körpers. Sie geben das Signal, Energie zu produzieren. Ohne genug Schilddrüsenhormon läuft der ganze Stoffwechsel auf Sparflamme, und das betrifft auch die Fortpflanzung.
Die Schilddrüse bildet vor allem das Speicherhormon T4. Erst in den Organen wird es in das aktive T3 umgewandelt, und dafür braucht der Körper Selen. Für den Kinderwunsch sind beide wichtig: T4 unterstützt die Reifung der Eizelle, T3 den Eisprung. Und weil das Gehirn ebenfalls Energie braucht, um die Steuerhormone für die Eierstöcke auszuschütten, wirkt eine träge Schilddrüse gleich auf mehreren Ebenen auf den Zyklus.
Auch nach dem Eisprung ist die Schilddrüse gefragt. Sie ist an der Befruchtung beteiligt, also an der Verschmelzung von Spermium und Eizelle, und an den vielen Zellteilungen, die danach in rasantem Tempo folgen, während die befruchtete Eizelle durch den Eileiter wandert und sich in der Gebärmutter einnistet. Läuft die Schilddrüse nicht rund, kann das eine Schwangerschaft erschweren und das Risiko für eine frühe Fehlgeburt erhöhen.
Dazu kommt das enge Zusammenspiel mit den Geschlechtshormonen. Progesteron verbessert die Empfindlichkeit der Zellen für das aktive T3. Ist der Eisprung schwach, fehlt Progesteron, und die Schilddrüsenhormone wirken schlechter. Eine träge Schilddrüse wiederum schwächt den Eisprung. So können sich Schilddrüse und Zyklus gegenseitig ausbremsen.
Darum gilt: Wenn der Zyklus nicht funktioniert und die Schilddrüse träge ist, ist es meist der erste Schritt, die Schilddrüse zu stabilisieren. Viele Frauen mit Kinderwunsch haben keine akute Erkrankung, sondern eine Schilddrüse, der einfach die Bausteine fehlen. Genau das lässt sich oft gut beheben, und es ist ein Hebel, den du selbst in der Hand hast. In unserer Praxis läuft bei Kinderwunsch in schätzungsweise mehr als der Hälfte der Fälle die Schilddrüse nicht rund. Viele Frauen nehmen schon Schilddrüsentabletten und sind trotzdem nicht ideal eingestellt. Dann erklären wir, woran das liegen kann: an fehlenden Nährstoffen, an zu wenig Umwandlung von T4 in T3 oder an einer Dosis, die deine Ärztin noch einmal prüfen sollte.
Warum ein normales TSH beim Kinderwunsch nicht reicht
Die Schilddrüse wird meist über das TSH beurteilt. TSH ist das Signal, mit dem das Gehirn die Schilddrüse antreibt. Liefert sie zu wenig, muss das Gehirn stärker treiben, und das TSH steigt. Ein hohes TSH ist also ein Hinweis auf eine Unterfunktion.
Das Problem ist der Referenzbereich. Im Labor reicht er oft bis über 4, und alles darunter gilt als normal. Ein Wert von zum Beispiel 2,5 oder 3 gilt deshalb als unauffällig. Für den Kinderwunsch ist dieser Wert aber oft zu hoch. Hier gelten strengere Zielwerte, und das Optimum liegt meist unter 1,5. Das ist individuell, und manche Frauen werden auch mit einem höheren TSH schwanger. Übersehen werden sollte es aber nicht.
Außerdem zeigt das TSH nur das Signal, nicht das Ergebnis. Wie viel Hormon wirklich im Blut ist, zeigen erst die freien Schilddrüsenhormone, also das freie T4 und das freie T3. Es gibt Frauen mit fast identischem TSH, von denen die eine gut versorgt ist und die andere zu wenig aktives Hormon hat, etwa weil ein Selenmangel die Umwandlung bremst. Beim Kinderwunsch sollten die freien Hormone deshalb immer mitgemessen werden. Als Orientierung gilt, dass sie eher im oberen Drittel des Referenzbereichs liegen sollten.
Und schließlich die Antikörper. Erhöhte TPO-Antikörper oder Thyreoglobulin-Antikörper weisen auf eine Autoimmunerkrankung wie Hashimoto hin, auch wenn die Hormone noch normal sind. Ein einzelner erhöhter Wert ist allerdings noch keine Diagnose, denn Antikörper können etwa nach einem Infekt vorübergehend steigen. Die Diagnose stellt deine Ärztin oder dein Arzt aus Antikörpern, Hormonen, Beschwerden, Verlauf und meist einem Ultraschall.
Wichtig ist auch der Zeitpunkt. Das TSH schwankt über den Tag und ist morgens höher als am Nachmittag, darum ist eine Blutabnahme früh am Tag und immer zur gleichen Zeit sinnvoll. Und Entscheidungen sollten nie auf einer einzigen Messung beruhen, sondern auf dem Verlauf deiner Werte.
Hashimoto und Kinderwunsch
Hashimoto ist eine Autoimmunerkrankung der Schilddrüse und vor allem bei Frauen häufig. Das Immunsystem greift dabei ein Enzym in der Schilddrüse an, das für die Hormonbildung gebraucht wird, und schädigt nach und nach das Gewebe. Oft verläuft das über Jahre unbemerkt. Am Anfang können sogar kurze Phasen mit Überfunktionsbeschwerden auftreten, weil aus zerstörtem Gewebe Hormone freiwerden. Später überwiegt die Unterfunktion.
Auffällig ist, wann Hashimoto häufig beginnt oder sich verstärkt: in der Pubertät, in der Schwangerschaft, nach einer Geburt und in der Perimenopause. Das sind genau die Phasen, in denen die Geschlechtshormone stark schwanken. Ein Ungleichgewicht zwischen Östrogen und Progesteron kann das Immunsystem beeinflussen, denn Progesteron wirkt entzündungshemmend, und ein zu hohes Östrogen kann die Bildung von Autoantikörpern begünstigen.
Für den Kinderwunsch heißt das: Wer Hashimoto hat, sollte die Schilddrüse vor der Schwangerschaft besonders gut im Blick haben. Ob Schilddrüsenhormone nötig sind und in welcher Dosis, entscheidet deine Ärztin oder dein Arzt. Häufig muss die Dosis in der Schwangerschaft angepasst werden, weil der Bedarf steigt.
Bei den Nährstoffen ist Selen bei Hashimoto zentral, weil es die Schilddrüse vor Schäden durch aggressive Sauerstoffverbindungen schützt, die bei der Hormonbildung entstehen. Beim Jod ist es komplizierter. Die Schilddrüse braucht Jod, und in der Schwangerschaft ist es für die Gehirnentwicklung des Kindes besonders wichtig. In einer stark entzündlichen Phase kann zu viel Jod aber ungünstig sein. Ob und wie viel Jod du nehmen solltest, klärst du deshalb mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.
Viele Frauen mit Hashimoto haben außerdem Baustellen im Darm. Ein gestörtes Mikrobiom und eine durchlässige Darmschleimhaut fordern das Immunsystem ständig heraus. Bei vielen lohnt es sich deshalb, auch den Darm anzuschauen. Und weil eine Autoimmunerkrankung oft nicht allein kommt, gehört ein Blick auf weitere Zusammenhänge dazu, etwa auf eine Glutenunverträglichkeit, wenn Beschwerden dazu passen.
Schwangerschaft und die Zeit danach
Mit dem positiven Test wird die Schilddrüse noch wichtiger. In den ersten Wochen der Schwangerschaft hat das Kind noch keine eigene funktionierende Schilddrüse. Es ist vollständig auf die Hormone der Mutter angewiesen, und die braucht es für die Entwicklung von Gehirn und Nervensystem. Der Bedarf der Mutter an Schilddrüsenhormon steigt deshalb in der Schwangerschaft deutlich an.
Für Frauen, die schon Schilddrüsenhormone nehmen, heißt das: Sprich deine Ärztin oder deinen Arzt möglichst früh an, sobald du schwanger bist, denn die Dosis muss oft angepasst werden. Und auch ohne Medikamente lohnt sich eine Kontrolle der Werte früh in der Schwangerschaft, wenn du schon vorher Auffälligkeiten hattest.
Auch die Nährstoffe der Schilddrüse werden jetzt stärker beansprucht. Jod ist nicht nur Baustein der mütterlichen Hormone, sondern auch für das Kind selbst wichtig, denn ein Jodmangel in der Schwangerschaft kann die Gehirnentwicklung beeinträchtigen. Eisen wird für das wachsende Blutvolumen und für die Speicher des Kindes gebraucht. Und weil der Körper immer zuerst das Kind versorgt, leert die Schwangerschaft die Speicher der Mutter, wenn sie nicht gut gefüllt sind.
Nach der Geburt ist die Schilddrüse ein Thema, das oft übersehen wird. Die Hormone stellen sich in kurzer Zeit komplett um, und bei manchen Frauen zeigt sich gerade jetzt zum ersten Mal eine Autoimmunerkrankung der Schilddrüse oder eine bestehende verstärkt sich. Ein Mangel an Selen oder Jod begünstigt das. Müdigkeit, Stimmungstiefs, Haarausfall und Gewichtsprobleme nach der Geburt schreibt man leicht dem Schlafmangel zu, dabei kann auch die Schilddrüse dahinterstecken.
Deshalb empfehlen wir, die Schilddrüse nicht nur vor, sondern auch nach einer Schwangerschaft im Blick zu behalten. Wer gut versorgt in die Schwangerschaft geht, kommt meist auch besser durch die Zeit danach.

