Wie der Körper Östrogen abbaut
Östrogen ist ein wichtiges Hormon, für Frauen ebenso wie für Männer. Es wirkt auf Zyklus, Knochen, Gefäße, Haut, Gehirn und Stimmung. Damit es nicht zu viel wird, baut der Körper es ständig wieder ab. Das passiert in drei großen Schritten, vor allem in der Leber und im Darm. Man kann sich das wie einen Recyclinghof vorstellen: erst sortieren, dann verpacken, dann abtransportieren.
Im ersten Schritt wird das Östrogen umgebaut. Enzyme aus der großen Familie der Cytochrome hängen eine kleine chemische Gruppe an eine von mehreren möglichen Stellen. Je nach Stelle entstehen unterschiedliche Zwischenprodukte. Das Enzym CYP1A1 bildet vor allem Zwischenprodukte, die als eher unproblematisch gelten. Das Enzym CYP1B1 bildet Zwischenprodukte, die reaktiver sind. Sie können zu besonders aggressiven Stoffen weiterreagieren, wenn sie nicht schnell genug weiterverarbeitet werden. Ein dritter Weg führt zu Zwischenprodukten mit einer noch spürbaren hormonellen Wirkung.
Im zweiten Schritt werden die Zwischenprodukte verpackt und entschärft. Hier kommt die COMT ins Spiel, die eine Methylgruppe anhängt und die Zwischenprodukte damit unwirksam macht. Die GST-Enzyme fangen mit Hilfe von Glutathion, dem wichtigsten körpereigenen Schutzstoff gegen Zellstress, die reaktiven Stoffe ab, die trotzdem entstehen. Andere Enzyme hängen Zucker- oder Schwefelreste an, damit die Abbauprodukte wasserlöslich werden.
Im dritten Schritt wird alles ausgeschieden, über die Galle in den Darm und von dort mit dem Stuhl, ein Teil auch über die Nieren mit dem Urin.
An diesem Bild sieht man, warum es nicht nur auf eine einzelne Station ankommt. Ein schneller erster Schritt bringt wenig, wenn der zweite nicht hinterherkommt, denn dann stauen sich die Zwischenprodukte. Und auch ein perfekter zweiter Schritt hilft wenig, wenn das verpackte Östrogen im Darm wieder ausgepackt wird. Entscheidend ist, dass alle Stationen im Gleichgewicht arbeiten, und das hängt neben den Genen stark von Nährstoffen, Ernährung und Darm ab.
Welche Gene im Gentest auftauchen
In Gentests, die sich mit dem Östrogenstoffwechsel beschäftigen, tauchen meist vier Gruppen von Genen auf. Jede steht für eine Station des Abbaus.
CYP1A1 ist an der Station beteiligt, an der Östrogen bevorzugt über den günstigeren Weg umgebaut wird. Manche Varianten sorgen dafür, dass mehr von dem Enzym gebildet wird oder dass es aktiver ist. Das klingt erst einmal gut. Es kann aber auch bedeuten, dass mehr Zwischenprodukte anfallen, die im zweiten Schritt verarbeitet werden müssen.
CYP1B1 steht für den reaktiveren Weg. Varianten, die dieses Enzym aktiver machen, können den Anteil der reaktiveren Zwischenprodukte erhöhen. Ob das eine Rolle spielt, hängt stark davon ab, wie gut der zweite Schritt arbeitet.
COMT ist die Station, an der die Zwischenprodukte mit einer Methylgruppe entschärft werden. Eine häufige Variante macht das Enzym langsamer. Dann bleiben die Zwischenprodukte länger bestehen, vor allem wenn gleichzeitig viel Östrogen da ist oder wenig Methylgruppen zur Verfügung stehen.
Die GST-Gene stehen für das Abfangen reaktiver Stoffe mit Glutathion. Bei manchen Menschen fehlt eines dieser Gene auf beiden Kopien ganz, man spricht dann von einer Deletion. Das ist gar nicht selten. Andere Mitglieder der Enzymfamilie übernehmen einen Teil der Arbeit, aber die Schutzreserve ist kleiner.
Für die Einordnung ist wichtig: Die Forschung zu einzelnen dieser Varianten ist uneinheitlich. Eine Variante allein sagt wenig darüber aus, wie dein Körper Östrogen im Alltag tatsächlich verarbeitet. Aussagekräftiger ist die Kombination, zum Beispiel ein aktiver erster Schritt zusammen mit einer langsamen COMT und einer fehlenden GST. Und noch aussagekräftiger ist die Verbindung mit deinen Beschwerden, deinen Hormonwerten und deinem Alltag. Darum lesen wir diese Gene immer gemeinsam und nie einzeln.
Ein Ergebnis ist deshalb eine Landkarte, die zeigt, an welcher Station dein Körper vielleicht mehr Unterstützung braucht. Eine Diagnose ist es nicht.
Was den Abbau im Alltag lenkt
Das Gute am Östrogenabbau ist, dass sich fast jede Station über Ernährung und Lebensstil beeinflussen lässt. Die Gene legen die Ausgangslage fest, der Alltag entscheidet, was daraus wird.
An erster Stelle stehen Kohlgemüse wie Brokkoli, Rosenkohl, Grünkohl, Blumenkohl und Kohlrabi. Sie enthalten Vorstufen von zwei besonderen Pflanzenstoffen, Sulforaphan und Diindolylmethan. Diese können den ersten Schritt eher in Richtung des günstigeren Weges lenken und die Schutzsysteme des zweiten Schritts anregen. Am meisten Sulforaphan bekommst du, wenn du das Gemüse nur kurz dämpfst oder roh isst, zum Beispiel als Brokkolisprossen.
Für den zweiten Schritt braucht der Körper Nachschub. Die COMT braucht Methylgruppen, die aus Folat, B12 und B6 entstehen, und Magnesium als Helfer. Grünes Blattgemüse, Hülsenfrüchte, Eier, Fisch und Fleisch liefern diese Bausteine. Für das Glutathion der GST-Enzyme braucht der Körper schwefelhaltige Bausteine. Die stecken in Eiweiß, aber auch in Knoblauch, Zwiebeln, Spargel und eben im Kohlgemüse. Selen und Vitamin C halten das Glutathion einsatzbereit.
Es gibt auch Faktoren, die den Abbau eher in die ungünstige Richtung schieben. Rauch, ob von Zigaretten oder vom stark verkohlten Grillgut, regt das Enzym CYP1B1 an. Alkohol belastet die Leber und erhöht den Östrogenspiegel. Und viel Bauchfett bildet selbst Östrogen, weil im Fettgewebe ein Enzym männliche Vorstufen in Östrogen umwandelt. Bei Männern entsteht so ein großer Teil ihres Östrogens. Mehr Fettgewebe bedeutet mehr Östrogen, das abgebaut werden muss.
Auch Hormonpräparate spielen eine Rolle. Künstliche Östrogene, etwa in hormonellen Verhütungsmitteln, sind für den Körper schwerer abzubauen als körpereigenes Östrogen und beanspruchen dieselben Enzyme über lange Zeit. Bei körperidentischen Hormonen ist die Belastung geringer. Welche Präparate für dich infrage kommen, entscheidest du mit deiner Ärztin oder deinem Arzt. Dein Gentest kann dabei ein Baustein für das Gespräch sein.
Und schließlich Stress. Die COMT baut auch Stresshormone ab. Wer dauerhaft unter Strom steht, beschäftigt das Enzym mit Adrenalin und Noradrenalin, und für das Östrogen bleibt weniger Kapazität.
Der Darm als letzte Station
Viele denken beim Östrogenabbau nur an die Leber. Dabei entscheidet sich im Darm, ob das ganze Recycling am Ende gelingt.
Nachdem die Leber das Östrogen verpackt hat, gelangt es mit der Galle in den Darm. Dort soll es eigentlich mit dem Stuhl ausgeschieden werden. Doch manche Darmbakterien bilden ein Enzym, das die Verpackung wieder abtrennt. Das Östrogen wird dadurch wieder aktiv, gelangt zurück ins Blut und muss ein zweites Mal abgebaut werden. Fachleute nennen die Gesamtheit der Darmbakterien, die den Östrogenhaushalt beeinflussen, das Östrobolom.
In einem ausgeglichenen Mikrobiom ist dieser Vorgang normal und hilft, den Spiegel fein zu regulieren. Überwiegen aber Bakterien, die besonders viel von diesem Enzym bilden, etwa bei einem Übergewicht an Fäulniskeimen, kreist mehr Östrogen im Körper, als vorgesehen ist. Dann kann auch eine gute Genetik den Abbau nicht ausgleichen.
Was hilft? Zuerst Ballaststoffe. Sie füttern die Bakterien, die die Darmschleimhaut schützen und ungünstige Keime zurückdrängen. Sie binden einen Teil der Abbauprodukte und sorgen für eine regelmäßige Verdauung. Gemahlene Leinsamen sind hier besonders interessant, weil sie neben Ballaststoffen auch Lignane liefern, Pflanzenstoffe, die im Darm in schwache, östrogenähnliche Stoffe umgewandelt werden und den Hormonhaushalt sanft beeinflussen können.
Dann die Regelmäßigkeit. Wer nur alle zwei, drei Tage Stuhlgang hat, gibt den Bakterien viel Zeit, das Östrogen wieder auszupacken. Genug trinken, viel Gemüse, Bewegung und ein ruhiger Umgang mit Stress bringen die Verdauung in Schwung. Auch eine träge Schilddrüse kann die Verdauung verlangsamen und gehört deshalb mit auf die Liste.
Und schließlich die Vielfalt. Je mehr verschiedene Pflanzen du pro Woche isst, desto vielfältiger ist dein Mikrobiom, und desto besser ist es im Gleichgewicht. Wer Hinweise auf eine Dysbiose hat, kann über eine Mikrobiomanalyse sehen, wie es um die Bakterien steht.



