Was mit Milchzucker im Darm passiert
Milchzucker, in der Fachsprache Laktose, ist ein Zweifachzucker. Er besteht aus zwei miteinander verbundenen Zuckerbausteinen, Traubenzucker und Schleimzucker, also Glukose und Galaktose. In dieser verbundenen Form kann der Körper ihn nicht aufnehmen. Er muss zuerst in seine zwei Bausteine gespalten werden, und erst diese können durch die Darmwand ins Blut gelangen.
Für diese Spaltung braucht es ein bestimmtes Enzym, die Laktase. Und hier liegt eine Besonderheit. Stärke, Fette und Eiweiße werden zu einem großen Teil von Enzymen aus der Bauchspeicheldrüse zerlegt. Laktase bildet die Bauchspeicheldrüse dagegen nicht. Sie sitzt ausschließlich an der Oberfläche der Zellen im Dünndarm, auf den winzigen Ausstülpungen, die die Fläche des Darms vergrößern. Damit hängt die Spaltung des Milchzuckers vor allem davon ab, wie gesund diese Schleimhaut ist. Unterstützung gibt es nur von einigen Darmbakterien, etwa Laktobazillen und Bifidobakterien, die selbst Milchzucker spalten können.
Wird zu wenig Laktase gebildet, bleibt ein Teil des Milchzuckers ungespalten und wandert weiter in den Dickdarm. Dort passiert zweierlei. Die Bakterien machen sich über den Zucker her und vergären ihn. Dabei entstehen Gase, und es kommt zu Blähungen, Bauchgrummeln und Krämpfen. Gleichzeitig zieht der Milchzucker Wasser in den Darm, um sich zu verdünnen. Der Stuhl wird weich oder flüssig, und es kann zu plötzlichem Durchfall kommen.
Typisch ist der zeitliche Ablauf. Die Beschwerden kommen meist eine halbe bis zwei Stunden nach dem Essen oder Trinken, wenn der Milchzucker den Dickdarm erreicht. Und sie hängen von der Menge ab: Ein Schuss Milch im Kaffee macht vielen nichts, ein großes Glas Milch dagegen schon.
Das unterscheidet die Laktoseintoleranz auch klar von einer Milchallergie. Bei der Unverträglichkeit fehlt ein Enzym, das Immunsystem ist nicht beteiligt. Bei einer Allergie reagiert das Immunsystem auf Eiweiße aus der Milch, und das kann schon bei kleinsten Mengen gefährlich werden. Eine Allergie gehört immer ärztlich abgeklärt.
Genetisch, erworben oder beides
Dass Erwachsene Milch problemlos vertragen, ist aus Sicht der Evolution eher die Ausnahme. Ursprünglich verlor der Mensch nach der Stillzeit die Fähigkeit, Laktase zu bilden. Wozu auch, Milch gab es danach keine mehr.
Das änderte sich, als Menschen in manchen Regionen begannen, Kühe, Ziegen und Schafe zu halten und deren Milch zu trinken. Vor allem im Norden Europas, wo weniger Pflanzen wuchsen, war Milch eine wertvolle Nahrungsquelle. Dort breitete sich in den letzten etwa zehntausend Jahren eine genetische Veränderung aus, mit der der Darm auch im Erwachsenenalter Laktase bildet. Darum gibt es bis heute ein deutliches Nord-Süd-Gefälle. In Nordeuropa vertragen die meisten Erwachsenen Milch, je weiter man nach Süden und Osten geht, desto häufiger ist die Laktoseintoleranz. Selbst innerhalb Deutschlands gibt es Unterschiede. Weltweit ist sie sogar der Normalfall.
Diese genetisch bedingte Form entwickelt sich langsam. Die Laktase nimmt über Jahre ab, und viele merken erst im Jugend- oder Erwachsenenalter etwas davon. Auch mit dem Älterwerden sinkt die Laktasebildung oft weiter.
Daneben gibt es die erworbene Form, und die sehen wir häufig. Hier hat der Darm ursprünglich genug Laktase gebildet, bis etwas die Dünndarmschleimhaut aus dem Gleichgewicht gebracht hat: ein Magen-Darm-Infekt, eine Dünndarmfehlbesiedlung, eine durchlässige Schleimhaut, ein verschobenes Mikrobiom, Dauerstress oder eine träge Schilddrüse. Die Zellen der Schleimhaut bilden dann weniger Laktase, und plötzlich macht Milch Probleme.
Oft kommt beides zusammen. Wer von Natur aus nur wenig Laktase bildet, merkt eine zusätzliche Reizung des Darms besonders schnell. Für die Praxis ist der Unterschied trotzdem wichtig. Die genetisch bedingte Form bleibt, auch wenn sich die Toleranz durch einen gesunden Darm verbessern kann. Die erworbene Form kann sich dagegen deutlich zurückbilden, wenn sich die Schleimhaut erholt. Ein Gentest kann zeigen, ob die genetische Veränderung für die Laktasebildung vorhanden ist. Wir bieten keine Gentests an, aber wer schon Ergebnisse hat, bekommt sie erklärt.
Die Menge macht den Unterschied
Eine Laktoseintoleranz bedeutet selten, dass gar kein Milchzucker mehr geht. Die meisten Menschen haben eine persönliche Grenze, und wer sie kennt, kann viel mehr essen, als er denkt.
Eine einfache Faustregel hilft: Je flüssiger ein Milchprodukt, desto mehr Milchzucker enthält es meist. Milch, Kakao, Buttermilch, Molke und Milchmixgetränke liegen weit vorne. Joghurt und Quark liegen im Mittelfeld. Bei Joghurt kommt ein Vorteil dazu: Die enthaltenen Bakterien haben einen Teil des Milchzuckers bereits gespalten und können im Darm noch weiter mithelfen. Viele vertragen Naturjoghurt deshalb besser als Milch.
Ganz am Ende stehen gereifte Käsesorten. Beim Reifen bauen Milchsäurebakterien den Milchzucker fast vollständig ab. Hartkäse wie Parmesan, Bergkäse oder alter Gouda enthält deshalb kaum noch Milchzucker und ist für die meisten problemlos. Auch Butter enthält nur sehr wenig. Frischkäse, Hüttenkäse und Schmelzkäse enthalten dagegen deutlich mehr.
Dann gibt es laktosefreie Produkte. Bei ihnen wurde der Milchzucker schon bei der Herstellung mit Laktase gespalten. Sie sind für viele eine gute Lösung, besonders in der Karenzzeit. Wer auch mit laktosefreien Produkten noch Beschwerden hat, sollte allerdings genauer hinschauen. Dann steckt womöglich mehr dahinter als der Milchzucker, etwa ein gereizter Darm, eine Dünndarmfehlbesiedlung oder eine andere Unverträglichkeit.
Auch das Wie zählt. Milchprodukte zu einer Mahlzeit werden oft besser vertragen als allein auf leeren Magen, weil der Milchzucker dann langsamer in den Darm gelangt. Kleine Mengen über den Tag verteilt sind leichter als eine große Portion auf einmal.
Und Achtung bei versteckter Laktose. Milchzucker wird vielen Fertigprodukten, Wurstwaren, Backwaren, Soßen und sogar Tabletten zugesetzt. In der Karenzzeit lohnt sich deshalb ein Blick auf die Zutatenliste.
Ohne Milch, aber ohne Lücke
Wer Milchprodukte weglässt, tut seinem Bauch oft schnell einen Gefallen. Auf Dauer kann dabei aber eine Lücke entstehen, die man nicht sofort spürt. Milchprodukte liefern einige Nährstoffe, die man bewusst ersetzen sollte.
Der wichtigste ist Kalzium. Es ist der Baustein für Knochen und Zähne und wird außerdem für Muskeln, Nerven und die Blutgerinnung gebraucht. Milchprodukte sind für viele Menschen die Hauptquelle. Wer sie weglässt, kann Kalzium aus anderen Quellen holen: aus kalziumreichem Mineralwasser, aus grünem Gemüse wie Grünkohl, Brokkoli oder Rucola, aus Mandeln, Sesam und Mohn, aus mit Kalzium angereicherten Pflanzendrinks und aus Tofu, der mit Kalzium hergestellt wurde. Gereifter Käse bleibt für die meisten ohnehin erlaubt und ist eine sehr gute Quelle.
Damit Kalzium in die Knochen gelangt, braucht der Körper außerdem Vitamin D. Davon haben viele Menschen in unseren Breiten gerade im Winter zu wenig, unabhängig von der Milch. Darum gehört Vitamin D bei uns zu den Blutwerten.
Dann sind da Jod und Vitamin B12. Milch ist in Deutschland eine nennenswerte Jodquelle, weil die Kühe jodiertes Futter bekommen. Wer Milchprodukte und Fisch meidet, sollte auf jodiertes Speisesalz achten. Vitamin B12 steckt fast nur in tierischen Lebensmitteln. Wer zusätzlich wenig Fleisch, Fisch und Eier isst, kann auf Dauer in einen Mangel rutschen.
Und schließlich das Eiweiß. Joghurt, Quark und Käse sind für viele, gerade für Menschen mit vegetarischer Ernährung, wichtige Eiweißquellen. Fallen sie weg, braucht es Alternativen wie Eier, Fisch, Fleisch, Hülsenfrüchte, Tofu oder Tempeh.
Darum begleiten wir das Weglassen immer mit einem Blick auf die ganze Ernährung. Ziel ist nicht, Milch für immer zu streichen, sondern herauszufinden, wie viel und welche Milchprodukte dir guttun, und alles andere so aufzustellen, dass nichts fehlt.

