Es gibt nicht das eine Immunsystem
„Wie kann es sein, dass ich viel öfter krank bin als meine Kollegen, obwohl ich auf meine Ernährung achte?“ Diese Frage hören wir oft. Die Antwort: Jedes Immunsystem ist anders.
Das Immunsystem ist kein einzelnes Organ, sondern ein hochkomplexes Netzwerk. Es gibt eine schnelle, angeborene Abwehr, die sofort reagiert, etwa mit Fresszellen und natürlichen Killerzellen. Und es gibt eine langsamere, erlernte Abwehr, die sich Erreger merkt und beim nächsten Mal gezielt Antikörper bildet. Dazu kommen Botenstoffe, die die Abwehr hoch- und herunterfahren, Schleimhäute als erste Barriere und das Mikrobiom im Darm, das das Immunsystem trainiert. Wie gut all diese Teile zusammenarbeiten, ist von Mensch zu Mensch verschieden.
Jeder Mensch hat eine andere Vorgeschichte mit Infekten, ein anderes Mikrobiom und einen anderen Bedarf an Nährstoffen. Manche verbrauchen mehr, weil sie viel Sport machen oder viel Stress haben. Manche reagieren empfindlicher auf Stress. Manche sind einfach mehr Erregern ausgesetzt, etwa Eltern von Kita-Kindern. Und auch die Hormone spielen mit.
Darum hilft auch kein Pauschalrezept. Ein Ingwershot am Morgen schadet nicht, aber er löst kein Problem, das an ganz anderer Stelle liegt, etwa in einem leeren Vitamin-D-Speicher oder einem gestörten Darm.
Wer zu uns kommt, ist oft zwischen Anfang 30 und Mitte 40, voll berufstätig, teils mit Familie, Männer wie Frauen. Dazu kommen Sportlerinnen und Sportler, die von Infekten immer wieder aus dem Training geworfen werden, Menschen mit wiederkehrendem Herpes oder Nebenhöhlenbeschwerden und Mütter, die jeden Infekt aus der Kita mitnehmen.
Was diese Menschen gemeinsam haben: Sie sind nicht krank im klassischen Sinn. Aber ihr Immunsystem arbeitet nicht so, wie es könnte. Genau dort setzen wir an, mit einer Diagnostik, die das Immunsystem von mehreren Seiten anschaut, und einem Plan, der an den wichtigsten Stellschrauben dreht.
Was das Immunsystem schwächt
Die häufigsten Ursachen, die wir finden, sind Dauerstress, Nährstoffmängel und ein gestörtes Mikrobiom. Meist kommen mehrere davon zusammen.
Stress wirkt direkt auf die Abwehr. Bei akutem Stress schüttet der Körper Cortisol und Adrenalin aus, und das Immunsystem wird kurzfristig mobilisiert, denn früher bedeutete Stress oft Verletzung. Hält der Stress aber an, kehrt sich das um. Dauerhaft erhöhtes Cortisol dämpft die Abwehrzellen. Wer seit Monaten unter Druck steht, wird deshalb oft genau dann krank, wenn er endlich zur Ruhe kommt, zum Beispiel am ersten Urlaubstag. Dazu kommt, dass Stress fast immer mit schlechterem Schlaf einhergeht, und im Schlaf regeneriert sich das Immunsystem.
Bei den Nährstoffen stehen Vitamin D, Zink, Selen und Eisen ganz vorne. Vitamin D hilft den Abwehrzellen, Erreger zu erkennen, und bremst gleichzeitig überschießende Reaktionen. Zink braucht der Körper für die Bildung und Reifung von Abwehrzellen, ein Mangel macht anfälliger für Infekte und verlängert sie. Selen schützt die Zellen vor oxidativem Stress und ist an der Abwehr von Viren beteiligt. Eisen brauchen die Abwehrzellen für ihre Vermehrung. Ein Vitamin-D-Mangel ist bei uns besonders verbreitet, vor allem im Winter.
Der Darm ist der dritte große Bereich. Ein großer Teil des Immunsystems sitzt in der Darmwand. Dort lernt es, zwischen harmlos und gefährlich zu unterscheiden, zwischen Nahrung und Erregern, zwischen eigenen Bakterien und Eindringlingen. Ein vielfältiges Mikrobiom ist dafür ein wichtiger Trainingspartner. Ist es aus dem Gleichgewicht oder die Darmschleimhaut durchlässig, gerät das Immunsystem durcheinander. Es reagiert dann zu schwach auf echte Erreger oder zu stark auf harmlose Dinge.
Weitere Faktoren sind Bewegungsmangel, aber auch zu viel intensiver Sport ohne genug Erholung, eine Ernährung mit wenig Gemüse und viel Zucker, Rauchen und Alkohol.
Stille Entzündung: der Brand, den man nicht merkt
Neben dem schwachen Immunsystem gibt es auch das Gegenteil: ein Immunsystem, das ständig ein bisschen zu aktiv ist. Fachleute sprechen von stiller Entzündung.
Eine normale Entzündung kennt jeder. Wenn du dich schneidest, wird die Stelle rot, warm und dick. Das Immunsystem schickt Abwehrzellen und Botenstoffe an den Ort, räumt auf, und nach ein paar Tagen ist alles vorbei. Diese Entzündung ist sinnvoll und hat ein klares Ende.
Bei einer stillen Entzündung fehlt dieses Ende. Immunzellen schütten dauerhaft Botenstoffe aus, sogenannte Zytokine, die eine Entzündung in Gang halten, nur eben auf niedriger Stufe und im ganzen Körper. Man merkt davon nichts, es tut nicht weh, es wird nichts rot. Man kann es sich vorstellen wie einen kleinen Brand im Körper, der vor sich hin schwelt und den niemand bemerkt.
Auf lange Sicht ist das aber nicht harmlos. Eine stille Entzündung belastet die Innenwände der Blutgefäße und kann so das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen. Sie macht die Zellen unempfindlicher für Insulin und fördert so eine Insulinresistenz. Und sie kann das Immunsystem so verschieben, dass es eher gegen den eigenen Körper arbeitet und bestehende Autoimmunerkrankungen Schübe bekommen.
Woher sie kommt, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Häufige Treiber sind Bauchfett, das selbst entzündungsfördernde Botenstoffe bildet, eine Insulinresistenz, ein gestörter Darm, Bewegungsmangel, Dauerstress, schlechter Schlaf, Rauchen und eine Ernährung mit viel Zucker und stark verarbeiteten Lebensmitteln.
Genau an diesen Stellen lässt sich viel bewegen: mit einer Ernährung, die Entzündungen nicht befeuert, viel Gemüse, gute Fette und genug Omega-3, mit regelmäßiger Bewegung, gutem Schlaf, weniger Stress und gezielten Nährstoffen.
Ob bei dir eine stille Entzündung vorliegt, zeigen Entzündungsmarker im Blut, etwa das CRP in einer besonders empfindlichen Messung, zusammen mit weiteren Werten wie Homocystein, Insulin und den Blutfetten.
Hashimoto begleiten
Hashimoto ist eine Autoimmunerkrankung der Schilddrüse und eine der häufigsten Autoimmunerkrankungen überhaupt, besonders bei Frauen. Das Immunsystem greift dabei das Schilddrüsengewebe an. Über die Jahre kann die Schilddrüse dadurch immer weniger Hormon bilden. Die Behandlung mit Schilddrüsenhormonen gehört in die Hände deiner Ärztin oder deines Arztes. Wir begleiten dich zusätzlich, dort wo Lebensstil, Ernährung, Nährstoffe und Darm eine Rolle spielen.
Wie wir begleiten, hängt vom Stadium ab. Ist die Schilddrüse noch in einer entzündlichen Phase, geht es vor allem darum, das Immunsystem zu beruhigen. Ist schon viel Gewebe verloren gegangen, steht die Versorgung mit Hormonen im Vordergrund, und wir kümmern uns darum, dass sie gut im Körper ankommen.
Ein wichtiger Punkt ist dabei die Umwandlung der Schilddrüsenhormone. Die Schilddrüse bildet vor allem T4, die Vorstufe, und auch die meisten Medikamente enthalten T4. In die aktive Form T3 wird es erst im Körper umgewandelt, und dafür braucht es unter anderem Selen. Ein Selenmangel kann diese Umwandlung bremsen, und dann fühlt man sich trotz Medikament nicht gut. Auch andere Mängel, etwa an Eisen, Zink oder Vitamin D, prüfen wir mit.
Bei vielen Menschen mit Hashimoto sehen wir auch Baustellen im Darm. Was dabei Henne und was Ei ist, ist offen. Weil das Immunsystem so eng mit dem Darm verbunden ist, lohnt sich der Blick dorthin aber fast immer. Dazu kommt das Stressmanagement, denn Stress ist einer der Faktoren, die das Immunsystem zusätzlich aus dem Takt bringen. Unser Ziel ist, die Auslöser zu reduzieren, die das Immunsystem antreiben, und davon gibt es im modernen Alltag mehr als genug.
Und dann ist da noch das Jod. Oft hört man, dass man bei Hashimoto kein Jod nehmen darf. So pauschal stimmt das nicht. Die Schilddrüse braucht Jod, um Hormone zu bilden. Kritisch ist es vor allem, wenn die Schilddrüse gerade akut entzündet ist, weil dann viel Jod die Entzündung verstärken kann. Ob und wie viel Jod für dich sinnvoll ist, klären wir gemeinsam mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.
