Was Mastzellen eigentlich tun
Mastzellen gehören zu den ältesten Zellen des Immunsystems. Sie sitzen vor allem dort, wo der Körper mit der Außenwelt in Kontakt kommt: in der Haut, in den Schleimhäuten der Atemwege und besonders im Darm, außerdem rund um Blutgefäße und Nerven. Unter dem Mikroskop sehen sie aus, als wären sie vollgestopft mit Körnchen. In diesen Körnchen lagern ihre Botenstoffe, fertig zum Ausschütten.
Man kann sich Mastzellen wie Feuermelder mit eingebauter Sprinkleranlage vorstellen. Wittern sie Gefahr, etwa einen Erreger, eine Verletzung oder ein Allergen, setzen sie in Sekunden ihre Stoffe frei. Histamin erweitert die Blutgefäße und macht sie durchlässiger, damit Abwehrzellen schnell an Ort und Stelle kommen. Andere Botenstoffe locken weitere Immunzellen an, ziehen Muskeln in den Atemwegen und im Darm zusammen oder machen Nerven empfindlicher. Das alles ist sinnvoll, wenn wirklich Gefahr droht, und es geht vorbei, sobald die Gefahr gebannt ist.
Wichtig ist: Histamin ist nur einer von vielen Stoffen. Mastzellen bilden und speichern eine ganze Reihe von Botenstoffen, darunter Tryptase, Prostaglandine, Leukotriene und Botenstoffe, die Entzündungen steuern. Manche davon werden sofort ausgeschüttet, andere erst nach Minuten oder Stunden gebildet. Das erklärt, warum die Beschwerden bei einer überschießenden Mastzellaktivierung so unterschiedlich sein können und manchmal erst verzögert auftreten.
Mastzellen reagieren nicht nur auf Erreger und Allergene. Sie haben Antennen für Wärme und Kälte, für Druck und Reibung, für Stresshormone, für Geschlechtshormone wie Östrogen und für Signale aus dem Nervensystem. Das macht sie zu einer Schnittstelle zwischen Umwelt, Psyche, Hormonen und Immunsystem.
Bei einem gesunden Menschen sind sie gut reguliert. Sie schlagen Alarm, wenn es nötig ist, und bleiben ruhig, wenn nicht. Beim Mastzellaktivierungssyndrom ist genau diese Regulation gestört: Die Feuermelder springen schon an, wenn jemand eine Kerze anzündet.
Wie ein Mastzellaktivierungssyndrom festgestellt wird
Das Mastzellaktivierungssyndrom, kurz MCAS nach der englischen Bezeichnung, ist schwer zu fassen. Die Beschwerden sind vielfältig, kommen und gehen, und oft landet jede davon zuerst in einer anderen Fachrichtung: der Ausschlag in der Hautarztpraxis, das Herzrasen in der Kardiologie, der Durchfall in der Gastroenterologie. Deshalb vergehen bis zur Diagnose oft Jahre.
Fachleute haben sich auf Kriterien geeinigt, die zusammen erfüllt sein müssen. Vereinfacht sind es drei.
Erstens die Beschwerden. Typisch sind Symptome, die in Schüben kommen und mindestens zwei Organsysteme gleichzeitig betreffen. Dazu zählen die Haut mit Rötung, Quaddeln, Schwellungen oder Juckreiz, der Magen-Darm-Trakt mit Krämpfen, Durchfall, Übelkeit oder Erbrechen, Herz und Kreislauf mit Herzrasen, niedrigem Blutdruck oder Ohnmachtsgefühl, die Atemwege mit Engegefühl oder verstopfter Nase und das Nervensystem mit Kopfschmerzen, Schwindel oder Konzentrationsproblemen.
Zweitens der Nachweis im Labor. Während eines Schubs schütten die Mastzellen Botenstoffe aus, die man messen kann. Am bekanntesten ist die Tryptase im Blut. Sie wird einmal in einer beschwerdefreien Phase bestimmt und einmal kurz nach Beginn eines Schubs, innerhalb weniger Stunden. Steigt sie im Schub deutlich über den Ausgangswert, spricht das für eine Mastzellaktivierung. Zusätzlich lassen sich bestimmte Abbauprodukte von Mastzellstoffen im Urin messen.
Drittens das Ansprechen auf eine Behandlung. Werden die Beschwerden mit Medikamenten besser, die gezielt die Botenstoffe der Mastzellen blockieren oder die Mastzellen stabilisieren, stützt das die Diagnose.
All das gehört in ärztliche Hände, am besten zu jemandem mit Erfahrung bei Mastzellerkrankungen. Dazu gehört auch, seltene Grunderkrankungen wie eine Mastozytose auszuschließen, bei der sich veränderte Mastzellen vermehren. Auch die Begleitung danach liegt bei MCAS in ärztlichen Händen, von den Medikamenten bis zum Notfallplan.
Histaminintoleranz oder MCAS?
Manche Menschen mit MCAS halten ihre Beschwerden lange für eine Histaminintoleranz. Das ist verständlich, denn beide teilen viele Beschwerden. Trotzdem sind es zwei verschiedene Dinge, und der Unterschied ist wichtig, weil er bestimmt, wer dich begleiten sollte.
Bei einer Histaminintoleranz liegt das Problem meist beim Abbau. Es kommt mehr Histamin an, als der Körper wegschaffen kann, etwa weil das Enzym im Darm zu wenig gebildet wird, weil Nährstoffe fehlen oder weil der Darm gereizt ist. Die Mastzellen selbst funktionieren normal. Die Beschwerden hängen oft stark mit der Ernährung zusammen und bessern sich oft deutlich mit einer histaminarmen Phase und wenn die Ursachen im Darm angegangen werden.
Beim Mastzellaktivierungssyndrom liegt das Problem bei den Mastzellen selbst. Sie sind überempfindlich und schütten ihre Botenstoffe viel zu leicht aus. Weil dabei nicht nur Histamin frei wird, sondern viele andere Stoffe, reicht eine histaminarme Ernährung allein oft nicht. Auslöser sind auch Dinge, die mit Essen nichts zu tun haben: Temperatur, Druck, Gerüche, Stress, Anstrengung oder Infekte. Und die Schübe können heftiger sein, bis hin zu Kreislaufproblemen.
Einige Hinweise können helfen, die beiden zu unterscheiden, ersetzen aber keine Diagnose. Das einfachste Merkmal ist in unserer Praxis die Auslassphase: Wenn deine Beschwerden fast nur nach dem Essen auftreten und mit einer histaminarmen Ernährung deutlich besser werden, spricht das eher für ein Abbauproblem. Wenn auch Hitze, Kälte, Reibung oder Düfte Schübe auslösen, wenn mehrere Organsysteme gleichzeitig betroffen sind und die Ernährung allein wenig ändert, solltest du an eine Mastzellaktivierung denken und das ärztlich abklären lassen. Eine Histaminintoleranz lässt sich meist besser eingrenzen, sie zeigt sich oft in stressigen Phasen, nach bestimmten Lebensmitteln und manchmal im Zyklus. MCAS verläuft deutlich unberechenbarer.
Beides kann auch zusammen vorkommen. Eine überaktive Mastzelle bringt viel Histamin ins Fass, und ein schwacher Abbau lässt es schneller überlaufen. Wie das bei dir zusammenspielt, klärt bei MCAS deine Ärztin oder dein Arzt. Im Erstgespräch schauen wir gern mit dir, ob deine Beschwerden eher zu einer Histaminintoleranz passen, die wir begleiten.
Was du im Alltag selbst tun kannst
Beim Mastzellaktivierungssyndrom stellen Ärztinnen und Ärzte die Diagnose und die Medikamente ein. Sprich mit ihnen auch darüber, was du im Alltag beeinflussen kannst, um deine Mastzellen seltener zu reizen. Die folgenden Punkte geben dir eine erste Orientierung für dieses Gespräch.
Lerne deine Auslöser kennen. Bei MCAS ist jeder Mensch anders. Ein Tagebuch über Schübe, Essen, Stress, Schlaf, Temperatur, Bewegung, Zyklus und Kontakt mit Düften zeigt nach einigen Wochen oft Muster. Viele entdecken, dass nicht ein einzelner Auslöser zählt, sondern die Summe: ein schlechter Schlaf, ein stressiger Tag und dann ein heißes Bad.
Iss für eine Zeit histaminarm und frisch. Auch wenn Histamin nicht der einzige Botenstoff ist, nimmt eine histaminarme Phase oft Last aus dem System. Frische, wenig verarbeitete Lebensmittel und möglichst kurze Lagerung von Fleisch, Fisch und Resten helfen dabei. Wie bei jeder Auslassphase gilt: Sie ist eine Phase, und die Ernährung soll am Ende so vielfältig wie möglich sein.
Kümmere dich um deinen Darm. Im Darm sitzen sehr viele Mastzellen. Ein gereizter, durchlässiger Darm oder ein verschobenes Mikrobiom halten sie ständig in Alarmbereitschaft. Wenn der Darm zur Ruhe kommt, profitieren oft auch die Mastzellen.
Beruhige dein Stresssystem. Mastzellen reagieren auf Stresshormone, und Histamin feuert umgekehrt das Stresssystem an. Regelmäßige Entspannungsübungen, ein fester Schlafrhythmus und Pausen sind deshalb kein Luxus, sondern ein wichtiger Baustein.
Achte auf deinen Körper beim Sport. Bewegung tut gut, sehr intensive Belastung, große Hitze oder plötzliche Kälte können aber Schübe auslösen. Gemäßigtes Training mit langsamer Steigerung ist oft besser verträglich.
Und kenne die Notfallzeichen. Atemnot, Schwellungen im Gesicht oder Hals, starker Schwindel oder ein Kreislaufzusammenbruch sind ein Notfall. Dann gilt sofort der Notruf. Besprich mit deiner Ärztin oder deinem Arzt, ob du einen Notfallplan brauchst.

