Warum erst gemessen und dann aufgefüllt wird
Die meisten Frauen, die mit Kinderwunsch zu uns kommen, nehmen ein Folsäurepräparat, vielleicht noch Magnesium und Vitamin D. Was dabei oft fehlt, sind Jod, Omega-3, Selen und weitere B-Vitamine, und ihren Eisenspeicher kennen viele gar nicht. Andere nehmen ein Kombipräparat, in dem alles drin ist. Dann ist manches zu niedrig, anderes zu hoch dosiert. Denn Nährstoffbedarf ist sehr individuell.
Stell dir deine Nährstoffspeicher wie einen Tank vor. Die Mengen, die auf einer Packung stehen, orientieren sich an Referenzwerten. Sie sind dafür gedacht, einen gut gefüllten Tank voll zu halten. Ist der Tank aber fast leer, reicht diese Menge nicht, um ihn aufzufüllen. Dann braucht es für eine Zeit mehr. Ist der Tank dagegen schon voll, bringt mehr nichts, und bei manchen Nährstoffen kann ein Zuviel sogar schaden. Vitamin A in hoher Dosis ist in der frühen Schwangerschaft zum Beispiel ungünstig, und auch Vitamin B6 oder Selen lassen sich überdosieren.
Deshalb gibt es bei uns kein Standardpaket. Zuerst zeigt eine Messung, wo du stehst, dann gleichst du gezielt aus. So nimmst du, was du brauchst, und nicht mehr. Und es kommt darauf an, richtig zu messen: Mineralien wie Selen, Zink und Magnesium sitzen größtenteils in den Zellen. Im Serum, dem flüssigen Teil des Blutes, sieht man davon nur einen kleinen Ausschnitt. Darum werden sie im Vollblut bestimmt, wo auch der Anteil in den Blutzellen erfasst wird.
Ein zweiter Grund für das Messen ist, dass viele Mängel keine Beschwerden machen. Ein Omega-3-Mangel fällt kaum auf, ein niedriges Vitamin D auch nicht, und ein leerer Eisenspeicher macht sich oft erst bemerkbar, wenn er schon lange leer ist. Für einige Nährstoffe gibt es klare Orientierungswerte, und wer deutlich darunter liegt, sollte handeln, auch ohne Beschwerden. Dazu gehören das Ferritin als Eisenspeicher, B12 und der Omega-3-Index. Auch beim Vitamin D lohnt sich der Blick, selbst wenn es dort keine feste Zielzahl für alle gibt.
Und schließlich braucht das Auffüllen Zeit. Ein Eisenspeicher füllt sich über Wochen bis Monate, Omega-3 baut sich langsam in die Zellhüllen ein. Auch deshalb empfehlen wir, mindestens drei Monate vor der geplanten Schwangerschaft zu beginnen.
Folat, B12 und ihre Partner: die Bausteine für Zellteilung und Erbgut
Folat ist der bekannteste Nährstoff in der Schwangerschaft, und das zu Recht. Es wird für jede Zellteilung gebraucht und damit für alles, was in den ersten Wochen passiert. Das Neuralrohr, aus dem Gehirn und Rückenmark entstehen, schließt sich etwa zwischen dem 21. und 27. Tag nach der Befruchtung. Zu diesem Zeitpunkt wissen viele Frauen noch gar nicht, dass sie schwanger sind. Folat muss deshalb schon vorher ausreichend da sein.
Folat arbeitet aber nicht allein. Es gehört zu einem Kreislauf im Stoffwechsel, in dem auch Vitamin B12, Vitamin B6, Vitamin B2 und Cholin mitspielen. Zusammen liefern sie sogenannte Methylgruppen. Das sind kleine chemische Anhängsel, mit denen der Körper unter anderem steuert, welche Gene abgelesen werden. Schon bei der Reifung der Eizelle über mehrere Monate vor dem Eisprung hilft diese Versorgung, das Erbgut richtig zu programmieren. Für die Spermien gilt das Gleiche.
Wie gut dieser Kreislauf läuft, zeigt ein Wert im Blut: das Homocystein. Es entsteht als Zwischenprodukt und wird mithilfe von Folat, B12 und B6 wieder abgebaut. Ist es erhöht, reicht mindestens eines dieser Vitamine nicht aus, und ein erhöhtes Homocystein gilt auch in der Schwangerschaft als ungünstig. Darum schauen wir uns Folat, B12 und Homocystein immer zusammen an.
B12 wird oft vergessen, obwohl es genauso wichtig ist wie Folat. Es ist für die Blutbildung, das Nervensystem und die DNA nötig, und ein Mangel kann ebenfalls zu Fehlbildungen beitragen. Nicht nur Veganerinnen sind betroffen, auch Frauen mit Mischkost haben oft zu wenig.
Folat gibt es in verschiedenen Formen. Viele Präparate enthalten Folsäure, eine synthetische Form, die der Körper erst umwandeln muss. Gefährlich ist sie nicht, aber nicht immer die ideale Form, denn manche Menschen tun sich mit der Umwandlung schwerer. Welche Form für dich passt, legen wir in deinem Fahrplan fest.
Und dann ist da Cholin, ein Nährstoff, der kaum bekannt ist. Der Körper kann ihn teilweise selbst bilden, doch in der Schwangerschaft reicht das oft nicht. Cholin ist an der Entwicklung des Nervensystems beteiligt und steckt vor allem in Eiern.
Eisen, Jod, Selen und Zink: die Mineralien, die oft fehlen
Eisen braucht der Körper in der Schwangerschaft in viel größerer Menge, weil das Blutvolumen stark zunimmt und das Kind seine eigenen Speicher anlegt. Eisen transportiert den Sauerstoff im Blut und ist an der Energiegewinnung jeder Zelle beteiligt, auch beim Kind. Viele Frauen starten aber schon mit leeren Speichern, weil sie mit jeder Periode Eisen verlieren. Das Tückische: Das Blutbild bleibt lange unauffällig, während der Speicher längst leer ist. Aussagekräftig ist das Ferritin. Ein Ferritin unter etwa 50 ist schon vor der Schwangerschaft ein Grund zum Handeln.
Jod ist der Baustein der Schilddrüsenhormone. In den ersten Wochen ist das Kind ganz auf die Schilddrüsenhormone der Mutter angewiesen, und Jod ist zusätzlich direkt für die Entwicklung von Gehirn und Nervensystem wichtig. Weil Deutschland ein Jodmangelgebiet ist und Jodsalz allein den Bedarf meist nicht deckt, gehört Jod fast immer zur Vorbereitung. Gute natürliche Quellen sind vor allem Fisch, Meeresfrüchte und Milchprodukte. Bei Hashimoto klärst du die Jodzufuhr mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.
Selen hilft der Schilddrüse, das Speicherhormon in die aktive Form umzuwandeln, und schützt sie vor Schäden. Es ist außerdem Teil des körpereigenen Schutzsystems gegen oxidativen Stress, der gerade bei den vielen Umbauprozessen am Anfang einer Schwangerschaft entsteht. Vegetarierinnen sind besonders oft knapp versorgt, weil Selen vor allem in tierischen Lebensmitteln steckt.
Zink wird für die Zellteilung, die Hormonbildung, das Immunsystem und die Schleimhäute gebraucht. Ein Mangel ist häufig und fällt kaum auf, und weil Zink im Serum wenig aussagt, wird es im Vollblut bestimmt.
Und Magnesium ist an Hunderten von Stoffwechselvorgängen beteiligt, auch an der Bildung von Progesteron. Im Serum hält der Körper den Magnesiumspiegel lange konstant, indem er auf die Reserven in den Knochen zurückgreift. Ein niedriger Serumwert bedeutet deshalb schon einen deutlichen Mangel, und auch hier ist das Vollblut aussagekräftiger.
Vitamin D, Omega-3 und Vitamin A: Immunsystem, Gehirn und Gewebe
Vitamin D ist eigentlich ein Hormon, das der Körper mit Hilfe der Sonne in der Haut bildet. In Deutschland reicht die Sonne dafür nur einen Teil des Jahres, und viele Menschen haben gerade im Winter zu wenig. Vitamin D reguliert das Immunsystem, und das ist in der Schwangerschaft besonders wichtig. Es hilft dem Körper der Mutter, den Embryo anzunehmen, statt ihn als fremd zu bekämpfen, und unterstützt die Durchblutung des Gewebes, über das das Kind versorgt wird. Außerdem braucht das Kind Vitamin D für den Aufbau seiner Knochen.
Omega-3-Fettsäuren, vor allem DHA, sind ein wichtiger Baustein für Gehirn und Augen des Kindes. Das Gehirn besteht zu einem großen Teil aus Fett, und DHA wird dort in großer Menge eingebaut, besonders im letzten Drittel der Schwangerschaft und bis weit in die Stillzeit. Viele Frauen sind schlecht damit versorgt. Pflanzliche Quellen wie Leinöl liefern eine Vorstufe, die der Körper nur zu einem kleinen Teil umwandelt. Für eine gute Versorgung braucht es die Omega-3-Fettsäuren aus Fisch oder Algen. Auch Omega-6-Fettsäuren gehören zur Entwicklung von Gehirn und Immunsystem, entscheidend ist das richtige Verhältnis zwischen beiden.
Vitamin A ist ein Nährstoff, vor dem in der Schwangerschaft oft gewarnt wird, und das ist nur halb richtig. Sehr hohe Dosen sollte man in der frühen Schwangerschaft nicht nehmen. Ein Mangel ist aber ebenfalls ungünstig, denn Vitamin A ist für das Zellwachstum, die frühe Entwicklung des Embryos und für gesunde Schleimhäute wichtig. Gerade Frauen, die ohne tierische Produkte essen, sollten ihre Versorgung kennen, und wer wegen Hautproblemen ein Vitamin-A-Präparat nimmt, bespricht das vor einer Schwangerschaft ärztlich. Ob du zusätzlich etwas brauchst, entscheiden wir nur auf Grundlage deiner Werte und deiner Ernährung.
Wer vegetarisch oder vegan isst, sollte die Vorbereitung besonders gründlich angehen. Neben B12, Eisen, Zink, Jod und Omega-3 können auch Stoffe wie Carnitin knapp werden, die fast nur in tierischen Lebensmitteln vorkommen. Das heißt nicht, dass man seine Ernährung umstellen muss. Es heißt, dass man gezielter ergänzen sollte.

