Was bei einer Dünndarmfehlbesiedlung passiert
SIBO ist die Abkürzung für Small Intestinal Bacterial Overgrowth, auf Deutsch Dünndarmfehlbesiedlung. Um zu verstehen, was dahintersteckt, hilft ein Blick auf den Weg der Nahrung.
Nach dem Magen gelangt der Speisebrei in den Dünndarm. Er ist mehrere Meter lang, eng und darauf spezialisiert, Nährstoffe aufzunehmen. Dafür ist er mit Zotten ausgekleidet, an deren Oberfläche Enzyme sitzen, die Zucker, Eiweiß und Fett in kleinste Teile zerlegen. Danach geht es weiter in den Dickdarm. Dort wird dem Rest Wasser entzogen, und dort lebt der weitaus größte Teil deiner Darmbakterien. Sie vergären, was der Dünndarm nicht aufnehmen konnte, und bilden dabei nützliche Stoffe und etwas Gas. Der Dünndarm dagegen ist nicht keimfrei, aber im Vergleich nur sehr dünn besiedelt.
Bei einer Fehlbesiedlung leben zu viele Bakterien im Dünndarm. Sie bekommen die Nahrung, bevor du sie aufnehmen konntest, und beginnen sie zu vergären. Dabei bilden sie Gase, vor allem Wasserstoff, bei manchen Menschen auch Methan. Im engen Dünndarm hat dieses Gas kaum Platz, und der Bauch bläht sich deutlich auf, oft schon kurz nach dem Essen und zunehmend über den Tag.
Die Gase geben Hinweise auf die Art der Fehlbesiedlung. Eine Form mit viel Wasserstoff geht eher mit Durchfall einher, eine Form mit viel Methan eher mit Verstopfung. Ganz sauber trennen lässt sich das aber nicht, beides kann bei beiden Formen vorkommen, und es können auch beide gleichzeitig vorliegen. Methan wird übrigens nicht von Bakterien gebildet, sondern von sogenannten Archaeen, uralten Mikroorganismen. Sitzen zu viele von ihnen im Dickdarm, spricht man von einer IMO, einer Methan-Überwucherung im Darm. Sie bläht ebenfalls und bremst den Darm oft deutlich aus.
Die Fehlbesiedlung bleibt nicht im Bauch. Die Bakterien im Dünndarm reizen die Schleimhaut, verändern das Milieu und konkurrieren mit dir um Nährstoffe. Darum stehen bei einer SIBO oft Folgen wie eine durchlässige Darmschleimhaut, Nährstoffmängel und neue Unverträglichkeiten mit auf dem Plan.
Warum eine SIBO entsteht
Eine Dünndarmfehlbesiedlung entsteht fast nie aus heiterem Himmel. Der Körper hat mehrere Schutzmechanismen, die den Dünndarm normalerweise sauber halten. Erst wenn einer oder mehrere davon versagen, können sich Bakterien dort festsetzen.
Der erste Schutz ist die Magensäure. Sie ist so sauer, dass sie einen großen Teil der Keime aus der Nahrung abtötet. Wer dauerhaft wenig Magensäure bildet, zum Beispiel bei einer Schilddrüsenunterfunktion, bei Nährstoffmängeln oder durch Medikamente, die die Säure hemmen, verliert einen Teil dieses Schutzes.
Der zweite Schutz ist die Bewegung. Zwischen den Mahlzeiten, wenn der Magen leer ist, laufen kräftige Wellen durch den Dünndarm und schieben Nahrungsreste und Bakterien Richtung Dickdarm. Das ist wie ein Waschgang. Ist diese Bewegung gestört, bleiben Bakterien liegen. Ein häufiger Auslöser dafür ist ein Magen-Darm-Infekt, etwa mit Salmonellen oder Campylobacter. Der Infekt ist nach Tagen vorbei, aber die Darmbewegung kann sich dauerhaft verändern. Bei vielen beginnt so eine Geschichte, die sich über Monate oder Jahre zieht. Auch Dauerstress bremst die Bewegung, denn verdaut wird vor allem im Ruhemodus des Nervensystems. Und wer ständig isst, löst den Waschgang gar nicht erst aus.
Der dritte Schutz ist die Klappe zwischen Dünn- und Dickdarm. Sie sorgt dafür, dass der Inhalt nur in eine Richtung fließt. Entsteht im Dickdarm über lange Zeit zu viel Gas, etwa durch ein verschobenes Mikrobiom, kann sie immer wieder aufgedrückt werden. Dann gelangen Bakterien aus dem Dickdarm nach oben.
Dazu kommen Faktoren, die alles verstärken: eine träge Schilddrüse, die Darmbewegung und Magensäure zugleich bremst, bestimmte Medikamente und Operationen am Bauch. Nicht jeder Faktor allein macht eine SIBO. Aber wer eine Fehlbesiedlung dauerhaft loswerden will, muss wissen, welche Schutzmechanismen bei ihm nicht funktionieren. Sonst kommt sie oft zurück.
Der Atemtest: was er zeigt und wo er an Grenzen stößt
Der wichtigste Hinweis auf eine Dünndarmfehlbesiedlung kommt aus der Atemluft. Das klingt zunächst überraschend, ist aber logisch. Ein Teil der Gase, die Bakterien im Darm bilden, gelangt ins Blut und wird über die Lunge ausgeatmet. Diese Gase kann man messen.
Für den Test trinkst du morgens nüchtern eine Zuckerlösung. Danach gibst du über mehrere Stunden in regelmäßigen Abständen Atemproben ab, meist in kleine Beutel oder Röhrchen, die ans Labor gehen. Gemessen wird, wie sich Wasserstoff und Methan über die Zeit verändern. Steigen die Gase früh an, also zu einem Zeitpunkt, an dem der Zucker noch im Dünndarm sein müsste, spricht das für Bakterien im Dünndarm. Damit das Ergebnis aussagekräftig ist, gibt es am Tag davor eine genaue Vorgabe zur Ernährung, und manche Medikamente und Nahrungsergänzungen müssen nach Rücksprache vorher pausiert werden.
Wichtig ist, dass beide Gase gemessen werden. Manche Menschen bilden kaum Wasserstoff, dafür viel Methan. Misst man nur Wasserstoff, kann der Test unauffällig ausfallen, obwohl eine Fehlbesiedlung vorliegt. Außerdem können Methanbildner einen Teil des Wasserstoffs verbrauchen und damit eine Wasserstoff-Fehlbesiedlung überdecken. Den Verlauf der Kurve richtig zu lesen, ist deshalb anspruchsvoll.
Ein Atemtest ist ein Hinweis, kein unfehlbarer Beweis. Er muss immer zusammen mit deinen Beschwerden gelesen werden. Es gibt Menschen, deren Test unauffällig ist, deren Beschwerden aber genau zu einer Fehlbesiedlung passen, und umgekehrt.
Bei uns gilt: Das Labor misst, wir erklären. Ob ein Atemtest für dich sinnvoll ist, klären wir in der Anamnese, vor allem bei einem starken Blähbauch über längere Zeit. Den Test bestellst du direkt beim Labor. Den Befund gehen wir danach ausführlich mit dir durch, in einem Video, in dem jeder Wert verständlich erklärt wird, und wenn er auf eine Fehlbesiedlung hinweist, besprichst du die Behandlung mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.
Warum SIBO oft wiederkommt und was dagegen hilft
Eine Dünndarmfehlbesiedlung ist hartnäckig. Selbst wenn die Bakterien im Dünndarm erfolgreich zurückgedrängt wurden, kommt sie bei vielen Menschen nach einiger Zeit zurück. Das liegt oft daran, dass nur die Folge behandelt wurde und nicht der Grund, warum sich die Bakterien dort festsetzen konnten. Viele unserer Kundinnen und Kunden erzählen Ähnliches: Eine Auslassdiät hat etwas gebracht, aber die Beschwerden kamen zurück. Oder ein Präparat wurde ein paar Wochen genommen, danach aber weder erneut getestet noch eine zweite Runde gemacht. Eine Fehlbesiedlung braucht einen Plan, der bis zum Schluss durchgehalten wird.
Der erste Punkt ist der Dickdarm. Eine Fehlbesiedlung beginnt oft mit einem verschobenen Mikrobiom im Dickdarm. Werden nur die Bakterien im Dünndarm zurückgedrängt, während im Dickdarm weiter ein Ungleichgewicht herrscht, ist der Nachschub schon vorprogrammiert. Darum geht es bei uns nach der Phase für den Dünndarm immer auch um den Dickdarm, mit einer vielfältigen Ernährung, mit Ballaststoffen, die die richtigen Bakterien füttern, und später auch mit Probiotika. Zu früh gegeben, können Probiotika bei einer SIBO die Beschwerden übrigens verstärken, weil dann noch mehr Bakterien an der falschen Stelle landen.
Der zweite Punkt sind die Schutzmechanismen. Wer eine träge Schilddrüse hat, wenig Magensäure bildet oder dauerhaft unter Stress steht, bei dem bleiben die Bedingungen, unter denen die Fehlbesiedlung entstanden ist, bestehen. Hier setzen wir mit Blutwerten, Ernährung und Stressmanagement an, und bei Auffälligkeiten an der Schilddrüse stimmst du dich mit deiner Ärztin oder deinem Arzt ab.
Der dritte Punkt ist der Alltag. Mahlzeiten mit Pausen von drei bis vier Stunden dazwischen geben dem Dünndarm Zeit für seinen Waschgang. Essen in Ruhe, ohne Bildschirm, bringt das Nervensystem in den Verdauungsmodus.
Die Ernährung spielt in der ersten Phase eine große Rolle. Eine Ernährung mit wenig schnell vergärbaren Kohlenhydraten, bekannt als Low-FODMAP, entzieht den Bakterien Futter und lässt die Beschwerden oft schnell zurückgehen. Eine leichte Gasfüllung bleibt dabei aber häufig bestehen, weil die Ernährung die Bakterien nur aushungert und nicht verdrängt. Sie ist deshalb eine Phase und nie ein Dauerzustand. Danach werden die Lebensmittel Schritt für Schritt zurückgeholt.

