Was bei Hashimoto in der Schilddrüse passiert
Hashimoto ist eine Autoimmunerkrankung. Das Immunsystem bildet Antikörper gegen Bestandteile der eigenen Schilddrüse, vor allem gegen ein Enzym namens Thyreoperoxidase, kurz TPO. Dieses Enzym braucht die Schilddrüse, um ihre Hormone herzustellen. Wird es angegriffen, entzündet sich das Gewebe, und über die Jahre geht immer mehr davon verloren.
Der Verlauf ist sehr unterschiedlich. Bei manchen geschieht der Abbau so leise und über so lange Zeit, dass sie ihre Beschwerden lange nicht zuordnen. Müdigkeit, Frieren, Gewichtszunahme oder eine gedrückte Stimmung haben schließlich viele mögliche Ursachen. Bei anderen gibt es heftige Schübe. Wenn das Immunsystem gerade viel Gewebe zerstört, werden die gespeicherten Hormone auf einmal frei. Dann zeigt sich vorübergehend das Gegenteil: Herzrasen, innere Unruhe, Schwitzen, schlechter Schlaf. Danach rutscht die Schilddrüse wieder in die Unterfunktion. Wer diese Wechsel erlebt, fühlt sich oft nicht ernst genommen, weil jeder Befund nur einen Ausschnitt zeigt.
Für die Diagnose braucht es deshalb mehrere Bausteine: die Beschwerden, das TSH, die freien Schilddrüsenhormone, die Antikörper und meist einen Ultraschall. Eine Diagnose stellt immer deine Ärztin oder dein Arzt.
Zwei Dinge sind uns dabei wichtig. Erstens: Ein einmal erhöhter Antikörperwert heißt nicht automatisch Hashimoto. Antikörper können auch vorübergehend steigen, zum Beispiel im Zusammenhang mit einem Infekt. Aussagekräftig ist der Verlauf zusammen mit den Beschwerden. Zweitens: Eine Autoimmunerkrankung kommt selten allein. Wer Hashimoto hat, hat zum Beispiel häufiger auch eine Zöliakie, also eine Autoimmunreaktion auf Gluten. Bei passenden Beschwerden lohnt es sich, das ärztlich abklären zu lassen.
Und warum gerade Frauen? Sie sind deutlich häufiger betroffen. Eine Rolle spielen dabei wohl die Geschlechtshormone. Östrogen fördert zum Beispiel die Bildung von Antikörpern. Auffällig ist auch, dass Hashimoto oft in Zeiten großer hormoneller Umstellung sichtbar wird, nach einer Geburt oder rund um die Wechseljahre.
Warum es dir trotz Tabletten nicht gut gehen kann
Viele Menschen mit Hashimoto hören: Ihre Werte sind gut eingestellt. Und trotzdem erzählen sie uns von wenig Energie, schlechter Erholung, Frieren und einer Verdauung, die kaum in Gang kommt. Das ist keine Einbildung. Es gibt mehrere Gründe, warum gut aussehende Werte und Wohlbefinden auseinanderliegen können.
Der erste ist die Umwandlung. Die Schilddrüse bildet vor allem T4, die Speicherform, und auch die meisten Medikamente enthalten T4. Wirksam wird es erst, wenn es im Körper zu T3 umgewandelt wird, größtenteils in der Leber, aber auch direkt in Organen wie Gehirn, Eierstöcken und Nieren. Dafür braucht es Enzyme, die Selen enthalten. Fehlt Selen, ist die Leber stark belastet, läuft eine Entzündung im Körper oder ist der Darm aus dem Gleichgewicht, stockt diese Umwandlung. Das TSH sieht dann oft gut aus, das freie T3 liegt aber niedrig.
Der zweite Grund ist Stress. Unter Dauerstress bildet der Körper vermehrt eine inaktive Form, das reverse T3. Es besetzt die Andockstellen der Zellen, ohne zu wirken. Das ist eigentlich ein Schutzprogramm, damit der Körper in Krisen nicht noch mehr Gas gibt. Im modernen Alltag läuft dieses Programm aber oft über Monate.
Der dritte Grund sind die Bausteine. Für die Hormonbildung braucht die Schilddrüse Eiweiß, genauer die Aminosäure Tyrosin, dazu Jod und Eisen. Wenn die eigene Schilddrüse noch einen Teil der Arbeit leistet, fehlen ihr ohne diese Bausteine die Mittel.
Und schließlich die Einnahme. Schilddrüsenhormone werden meist morgens nüchtern genommen, und Eisen, Calcium oder Kaffee können ihre Aufnahme bremsen, wenn sie zu dicht danach kommen. Manche Menschen mit Autoimmunerkrankungen reagieren auch empfindlich auf Hilfsstoffe in einem Präparat. Wenn du so etwas vermutest, sprich mit deiner Ärztin oder deinem Arzt über einen Wechsel.
Was wir dabei tun: Wir schauen auf das ganze Bild aus freien Hormonen, Nährstoffen, Darm und Stress. Die Dosis deiner Hormone legt immer deine Ärztin oder dein Arzt fest. Wir achten darauf, dass die Hormone im Körper möglichst gut ankommen.
Selen und Jod: was wirklich stimmt
Kaum ein Thema bei Hashimoto ist so voller Widersprüche wie Selen und Jod. Die eine sagt, Jod sei für dich tabu, der andere rät zu Selen in hohen Dosen. So einfach ist es in beide Richtungen nicht.
Selen ist für die Schilddrüse doppelt wichtig. Bei der Hormonbildung entsteht in der Schilddrüse Wasserstoffperoxid, eine aggressive Sauerstoffverbindung. Damit sie keinen Schaden anrichtet, braucht die Schilddrüse Schutzenzyme, und die enthalten Selen. Die Schilddrüse gehört deshalb zu den Organen mit dem höchsten Selengehalt. Fehlt Selen, kann dieser oxidative Stress die Entzündung im Gewebe befeuern. Dazu kommt die Umwandlung von T4 in T3, die ebenfalls an Selen hängt. Weil unsere Böden wenig Selen enthalten, ist ein Mangel bei uns verbreitet. Selen wird bei Hashimoto deshalb viel untersucht und häufig eingesetzt.
Aber auch beim Selen gilt: Viel hilft nicht viel. Selen lässt sich überdosieren, und manche Formen reichern sich im Körper stärker an als andere. Wir dosieren es deshalb nach deinem Wert und schauen im Verlauf, wo du stehst.
Jod ist ein Baustein der Schilddrüsenhormone, ohne Jod kein Hormon. Der Satz, man dürfe bei Hashimoto kein Jod nehmen, stimmt so pauschal nicht. Kritisch ist Jod vor allem dann, wenn die Schilddrüse gerade akut entzündet ist, denn dann kann viel Jod die Entzündung verstärken. Außerhalb eines Schubs braucht auch eine Hashimoto-Schilddrüse ihr Jod. Gute Quellen sind Seefisch und Milchprodukte, dazu Jodsalz. Von Algen raten wir eher ab, weil ihr Jodgehalt stark schwankt und sehr hoch sein kann.
Ob und wie viel Jod für dich sinnvoll ist, hängt also vom Stadium ab, und das klärst du mit deiner Ärztin oder deinem Arzt. Ähnlich wie beim Selen ist eine pauschale Empfehlung aus dem Internet hier keine gute Idee.
Darm, Stress und Ernährung: die Auslöser verringern
Hashimoto lässt sich nicht wegzaubern. Aber du kannst etwas dafür tun, dass dein Immunsystem weniger Gründe hat, unruhig zu sein. Genau darum geht es in unserer Begleitung: die Auslöser zu verringern, die das Immunsystem antreiben. Und davon gibt es im modernen Alltag mehr als genug.
Der Darm ist dabei oft der größte Hebel. Ist die Darmschleimhaut durchlässig, gelangen ständig Stoffe in den Körper, die dort nichts zu suchen haben. Das Immunsystem muss dauerhaft mehr arbeiten als vorgesehen, und ein überfordertes Immunsystem verliert leichter das Maß. Mit ballaststoffreicher, vielfältiger Ernährung, weniger stark Verarbeitetem und, wo nötig, gezielten Darmbausteinen in deinem Fahrplan lässt sich hier viel bewegen. Eine Mikrobiomanalyse zeigt, wie dein Darm besiedelt ist und wie aktiv das Immunsystem dort arbeitet.
Stress ist der zweite Hebel. Er hält das Immunsystem in Alarm, fördert Entzündungen, schlägt auf die Verdauung und lässt den Körper mehr inaktives Schilddrüsenhormon bilden. Darum gehört Stressmanagement bei uns fest in den Plan. In der App schlägt dir der Stressmaster Übungen vor, die zu deinem Alltag passen, von Atemübungen bis zu festen Ruhemomenten am Abend.
Bei der Ernährung gibt es keine Hashimoto-Diät, die für alle gilt. Manche Menschen mit Autoimmunerkrankungen reagieren auf bestimmte Lebensmittel, etwa auf Gluten oder Milcheiweiß. Ob das bei dir so ist, prüfen wir gemeinsam, statt es pauschal zu verbieten. Ein zeitlich begrenzter Versuch mit genauer Beobachtung sagt oft mehr als jede Liste. Wichtig ist außerdem, genug Eiweiß zu essen, denn ohne Tyrosin keine Schilddrüsenhormone.
Wie viel sich verändert, ist sehr individuell. Viele merken, dass sie mehr Energie haben, wenn Nährstoffe, Darm und Stress in Ordnung kommen. Wie es um dein Immunsystem steht, zeigen Beschwerden und Antikörper im Verlauf.
