Eine Haut mit löchriger Schutzwand
Um Neurodermitis zu verstehen, hilft ein Bild. Stell dir die oberste Hautschicht wie eine Mauer vor. Die Ziegel sind die Hornzellen, der Mörtel dazwischen besteht aus Fetten. Darüber liegt ein dünner Film aus Talg, und auf der Oberfläche lebt ein eigenes Mikrobiom aus Bakterien und anderen Mikroorganismen. Zusammen sorgen sie dafür, dass möglichst wenig Feuchtigkeit hinausgeht und möglichst wenig Fremdes hineinkommt.
Bei Neurodermitis ist diese Mauer weniger dicht. Oft ist das zum Teil angeboren, die Veranlagung liegt häufig in der Familie, manchmal gemeinsam mit Heuschnupfen oder Asthma. Der Mörtel ist dünner, die Haut verliert schneller Wasser und trocknet aus. Gleichzeitig dringen Reizstoffe, Allergene und Keime leichter ein. Das Immunsystem in der Haut reagiert darauf, und es kommt zu Entzündung, Rötung und Juckreiz.
Daraus entsteht ein Kreislauf. Die Entzündung schwächt die Barriere weiter. Der Juckreiz führt zum Kratzen, das Kratzen verletzt die Haut, und durch die kleinen Wunden dringt noch mehr ein. Viele Betroffene kennen dieses Gefühl, nachts aufzuwachen und sich blutig gekratzt zu haben.
Wann die Erkrankung ausbricht und wie stark sie ist, hängt aber nicht nur von der Veranlagung ab. Es gibt Auslöser, die einen Schub fördern können: Stress und seelische Belastung, trockene Heizungsluft, Kälte oder Hitze, Schwitzen, kratzige Kleidung, Duftstoffe, bestimmte Lebensmittel, Tabakrauch und Allergene wie Hausstaub oder Pollen. Bei jedem Menschen sind es andere.
Genau hier liegt der Ansatz. Die Veranlagung lässt sich nicht ändern. Aber man kann viel dafür tun, dass das Immunsystem ruhiger wird, die Barriere gestärkt und die Zahl der Auslöser kleiner wird. Die hautärztliche Behandlung kümmert sich um die akute Entzündung und um die Pflege von außen. Wir schauen auf das, was von innen dazukommt. Beides gehört zusammen.
Warum wir beim Darm ansetzen
Bei Neurodermitis setzen wir direkt am Darm an. Das hat einen einfachen Grund: Der Darm ist die größte Kontaktfläche zwischen deinem Körper und der Außenwelt, viel größer als die Haut. Und ein großer Teil des Immunsystems sitzt genau dort.
Eine gesunde Darmschleimhaut ist eine dichte Grenze. Sie lässt Nährstoffe durch, hält aber Bakterien, deren Bestandteile und unvollständig verdaute Nahrungsreste zurück. Wird sie durchlässiger, gelangen diese Stoffe in den Körper. Das Immunsystem reagiert, und es entsteht eine stille, dauerhafte Entzündung. Ein Immunsystem, das ständig auf Alarm steht, reagiert auch an anderer Stelle schneller und heftiger, und bei Neurodermitis eben an der Haut.
Dazu kommt das Mikrobiom, also die Gemeinschaft der Darmbakterien. Ein gesundes Mikrobiom stärkt die Darmschleimhaut und hilft, das Immunsystem im Gleichgewicht zu halten. Ist es verschoben, etwa nach Antibiotika, durch einseitige Ernährung, durch Stress oder eine Infektion, fehlt diese Unterstützung. Manche Bakterien bilden zudem Histamin, einen Botenstoff, der Juckreiz auslöst.
Viele Menschen mit Neurodermitis haben gleichzeitig Verdauungsbeschwerden, oft seit Jahren, ohne die beiden Dinge in Verbindung zu bringen.
Was heißt das praktisch? Zuerst schauen wir, was im Darm los ist, oft mit einer Mikrobiomanalyse. Sie zeigt Hinweise auf eine durchlässige Schleimhaut, Entzündung, die Verdauungsleistung und Histamin bildende Bakterien. Vorher sollten ernsthafte Darmerkrankungen ärztlich ausgeschlossen sein. Dann bauen wir die Ernährung um: mehr Ballaststoffe für die guten Bakterien, weniger stark verarbeitete Lebensmittel, je nach Befund eine zeitlich begrenzte Auslassphase, dazu Nährstoffe, die die Darmschleimhaut für ihre Erneuerung braucht.
Ein Versprechen, dass die Neurodermitis dadurch verschwindet, gibt es nicht. Aber viele Betroffene merken, dass ihre Haut ruhiger wird, wenn der Darm zur Ruhe kommt.
Fette und Nährstoffe für eine starke Barriere
Die Haut baut ihre Schutzschicht aus dem, was du ihr über die Ernährung lieferst. Darum lohnt bei Neurodermitis ein genauer Blick auf zwei Dinge: die Fette und die Mikronährstoffe.
Beginnen wir mit den Fetten. Jede Hautzelle ist von einer Hülle aus Fetten umgeben, und auch der Mörtel zwischen den Hornzellen besteht aus Fetten. Welche Fette dort eingebaut werden, hängt davon ab, was du isst. Omega-3-Fettsäuren machen die Zellhüllen geschmeidig und liefern Bausteine für Botenstoffe, die Entzündungen bremsen. Omega-6-Fettsäuren liefern dagegen vor allem Bausteine für entzündungsfördernde Botenstoffe.
Das Problem ist das Verhältnis. In unserer heutigen Ernährung steckt sehr viel Omega-6, zum Beispiel in Sonnenblumenöl, in frittierten Speisen, in vielen Fertigprodukten und vegetarischen Aufstrichen. Omega-3 aus fettem Fisch, Leinsamen oder Walnüssen kommt dagegen bei vielen zu kurz. Dann hat der Körper reichlich Material für Entzündung und zu wenig für ihre Bremse. Einen Omega-3-Mangel merkt man meist nicht, man muss ihn messen.
Bei den Mikronährstoffen sind mehrere wichtig. Zink braucht die Haut für die Zellteilung, die Wundheilung und eine funktionierende Barriere, und es ist auch für die Darmschleimhaut wichtig. Vitamin D steuert das Immunsystem mit, auch das der Haut. Vitamin A ist für eine gesunde Erneuerung von Haut und Schleimhäuten nötig. B-Vitamine wie B6 und B12 sind an der Hauterneuerung beteiligt. Selen und Vitamin E schützen die Fette in der Haut vor oxidativem Stress.
Wichtig ist, nicht einfach alles auf Verdacht einzunehmen. Manche Nährstoffe, etwa Vitamin A und Selen, kann man überdosieren. Darum kommen bei uns zuerst die Werte und erst danach der gezielte Ausgleich. Bei Mineralien schauen wir auf das Vollblut, denn sie stecken zum größten Teil in den Zellen.
Und noch etwas: Wenn der Darm nicht gut aufnimmt, kommt auch bei guter Ernährung zu wenig an. Das ist ein weiterer Grund, warum Darm und Nährstoffe bei uns zusammengehören.
Juckreiz, Histamin und Auslöser im Alltag
Juckreiz ist für viele Menschen mit Neurodermitis das Belastendste. Er raubt den Schlaf, die Konzentration und oft auch die Nerven. Ein wichtiger Botenstoff dahinter ist Histamin.
Histamin wird vom Körper selbst gebildet, steckt aber auch in vielen Lebensmitteln, zum Beispiel in lange gereiftem Käse, Wein, Sauerkraut, geräuchertem oder lange gelagertem Fisch und Wurst. Normalerweise baut der Körper Histamin zügig ab, vor allem im Darm. Ist der Darm gereizt oder bilden bestimmte Darmbakterien selbst viel Histamin, kann mehr anfallen, als der Körper abbauen kann. Dann juckt die Haut stärker, rötet sich leichter, und manche bekommen Quaddeln. Auch Östrogen kann die Histaminlast erhöhen, deshalb merken manche Frauen Unterschiede im Zyklus.
Hier kann eine Auslassphase mit histaminarmen Lebensmitteln helfen. Wichtig ist uns dabei: Das ist eine Phase, keine Diät für immer. Wer dauerhaft sehr viele Lebensmittel weglässt, verschlechtert eher sein Mikrobiom. Das Ziel ist, den Darm zu beruhigen und danach Schritt für Schritt wieder mehr zu vertragen.
Der zweite große Auslöser ist Stress. Dauerstress verschiebt das Immunsystem in Richtung Entzündung und schwächt die Hautbarriere. Und Juckreiz selbst ist Stress, besonders wenn er nachts den Schlaf raubt. Darum gehören Stressmanagement und ein guter Schlaf fest in den Fahrplan, mit Übungen, die zu deinem Alltag passen.
Und dann sind da die kleinen Dinge, die zusammen viel ausmachen. Dusch lieber kurz und lauwarm als lang und heiß. Verwende milde, duftstofffreie Reinigung und Pflege, und creme dich nach dem Duschen ein, solange die Haut noch leicht feucht ist. Trag weiche, atmungsaktive Kleidung, die nicht kratzt. Halte die Heizungsluft nicht zu trocken und die Fingernägel kurz, damit Kratzen weniger Schaden anrichtet. Und trink genug, denn Feuchtigkeit braucht die Haut auch von innen.
Bei einem akuten, starken Schub, bei nässenden, verkrusteten oder eitrigen Stellen und bei Fieber gehörst du direkt zu deiner Hautärztin oder deinem Hautarzt.



