Was das biologische Alter eigentlich meint
Dein Geburtsdatum verrät, wie lange du schon lebst. Es verrät aber wenig darüber, wie gut dein Körper in dieser Zeit gealtert ist. Zwei Menschen mit 55 können sehr unterschiedlich dastehen. Der eine läuft Treppen hoch, ohne außer Atem zu kommen, hat ruhige Blutwerte und schläft gut. Der andere hat Bauchfett, einen steigenden Blutdruck und braucht nach jeder Anstrengung eine Pause. Genau diesen Unterschied will das biologische Alter beschreiben: wie alt dein Körper im Vergleich zu anderen in deinem Alter wirkt.
Die Idee dahinter ist einleuchtend. Altern ist kein einzelner Vorgang, sondern ein Zusammenspiel vieler Prozesse. Die Forschung beschreibt eine ganze Reihe von Kennzeichen des Alterns. Dazu gehören Schäden an der Erbsubstanz, die sich mit der Zeit ansammeln, Veränderungen in der Art, wie Gene an- und abgeschaltet werden, kürzer werdende Schutzkappen an den Enden der Chromosomen, nachlassende Zellkraftwerke, Zellen, die sich nicht mehr teilen, aber auch nicht absterben, und eine stille Entzündung, die mit den Jahren zunimmt. Wie schnell diese Prozesse ablaufen, hängt zum Teil von deinen Genen ab, zu einem großen Teil aber davon, wie du lebst.
Der Gedanke, diese Prozesse in eine einzige Zahl zu übersetzen, ist verlockend. Eine Zahl ist leicht zu verstehen und motiviert. Wer erfährt, dass sein Körper biologisch fünf Jahre jünger ist, freut sich. Wer hört, dass er älter ist, will etwas ändern.
Das Problem ist, dass diese Zahl je nach Methode sehr unterschiedlich ausfallen kann. Es gibt nicht das eine biologische Alter, sondern viele verschiedene Messverfahren, die jeweils einen anderen Ausschnitt betrachten. Ein Test schaut auf die Erbsubstanz, ein anderer auf die Chromosomenenden, ein dritter rechnet aus normalen Blutwerten. Sie messen nicht dasselbe und kommen deshalb oft auch nicht zum selben Ergebnis.
Darum lohnt es sich, genau hinzuschauen, was hinter einer solchen Zahl steckt, bevor man sich über sie freut oder sorgt. Gesund älter werden heißt, möglichst lange fit, klar im Kopf und unabhängig zu bleiben. Die Frage ist, welche Messungen dir dabei wirklich helfen.
Wie das biologische Alter gemessen wird
Die meisten Tests, die heute angeboten werden, lassen sich in vier Gruppen einteilen.
Die bekanntesten sind die epigenetischen Uhren. Sie messen nicht deine Gene selbst, sondern kleine chemische Markierungen an der Erbsubstanz, die bestimmen, welche Gene an- und welche abgeschaltet sind. Diese Markierungen verändern sich mit dem Alter in einem recht typischen Muster. Aus dem Muster an vielen Stellen errechnet ein Algorithmus ein Alter. Je nach Anbieter werden dafür andere Stellen und andere Rechenwege genutzt, und manche nutzen Blut, andere Speichel.
Die zweite Gruppe misst die Telomere. Das sind Schutzkappen an den Enden der Chromosomen, ähnlich den Plastikenden an Schnürsenkeln. Bei jeder Zellteilung werden sie ein Stück kürzer. Sind sie zu kurz, kann sich die Zelle nicht mehr teilen. Ihre Ausgangslänge ist zu einem guten Teil erblich, ihre Verkürzung wird aber auch von Lebensstil, Stress, Entzündung und Erkrankungen beeinflusst. Manche Tests geben ein Alter in Jahren aus, andere einen Vergleich mit deiner Altersgruppe.
Die dritte Gruppe rechnet aus ganz normalen Blutwerten, etwa aus Blutzucker, Entzündungswerten, Nieren- und Leberwerten und Teilen des Blutbilds. Diese Rechner sind meist günstig, weil die Werte ohnehin oft bestimmt werden.
Die vierte Gruppe sind Funktionstests. Sie messen nicht Moleküle, sondern Leistung: die maximale Sauerstoffaufnahme, kurz VO2max, die Kraft der Muskeln, etwa über die Griffkraft, die Gehgeschwindigkeit oder die Fähigkeit, ohne Hilfe vom Boden aufzustehen. Sie wirken unspektakulär, gehören aber zu den aussagekräftigsten Hinweisen darauf, wie gut ein Körper altert. Die VO2max gilt als einer der wichtigsten Marker für gesundes Altern überhaupt.
Jede dieser Gruppen hat ihre Berechtigung, und jede hat ihre Grenzen. Wichtig ist, zu wissen, was ein Test misst, bevor man aus dem Ergebnis Schlüsse zieht.
Was die Tests können und was nicht
Wer sich mit Longevity beschäftigt, stößt schnell auf eine große Auswahl an Tests. Manche sind sinnvoll, manche interessant, und manche sagen kaum etwas aus. Beim biologischen Alter lohnt sich eine ehrliche Einordnung.
Viele dieser Messungen haben eine erhebliche Schwankungsbreite. Bei manchen Telomertests liegt sie bei vier bis fünf Jahren nach oben oder unten. Ein Ergebnis von 45 kann also genauso gut 41 wie 49 heißen. Wer zweimal kurz hintereinander misst oder zu zwei Anbietern geht, bekommt nicht selten unterschiedliche Zahlen. Und manche Marker schwanken mit der Tagesform, je nachdem, wie du geschlafen hast, was du gegessen hast oder ob du am Vortag hart trainiert hast.
Dazu kommt, dass die Wissenschaft noch nicht so weit ist, wie die Werbung es oft klingen lässt. Dass ein Wert mit dem Alter zusammenhängt, heißt noch nicht, dass seine Veränderung auch mehr gesunde Lebensjahre bedeutet. Wenn eine epigenetische Uhr nach einigen Monaten ein jüngeres Alter anzeigt, ist offen, ob sich damit auch dein Risiko für chronische Erkrankungen verändert hat.
Die Frage, die wir uns bei jedem Test stellen, ist deshalb einfach: Würde das Ergebnis etwas an deinem Plan ändern? Wenn dein biologisches Alter höher ausfällt als gedacht, wären die Empfehlungen dieselben wie ohne Test: mehr Bewegung, Krafttraining, guter Schlaf, eine gute Ernährung, weniger Stress, nicht rauchen, wenig Alkohol. Fällt es niedriger aus, wären sie es auch.
Das heißt nicht, dass solche Tests wertlos sind. Für manche ist eine Zahl ein starker Antrieb, und als Verlauf über Jahre mit derselben Methode kann sie spannend sein. Sie sollte aber nie die Grundlage für Entscheidungen sein und auch kein Grund zur Sorge. Wenn du schon ein Ergebnis hast, bring es gern mit. Wir ordnen es mit dir zusammen mit deinen übrigen Werten ein.
Woran wir uns stattdessen orientieren
Statt einer einzigen Zahl schauen wir lieber auf Werte, die etwas über konkrete Prozesse in deinem Körper verraten und auf die du Einfluss hast. Sie sind weniger spektakulär, aber sie zeigen dir, wo du ansetzen kannst, und im Verlauf deiner Werte, ob es wirkt.
Ganz vorne stehen drei Blutwerte. Das Insulin zeigt, ob eine Insulinresistenz deinen Stoffwechsel belastet, lange bevor der Blutzucker steigt. Das Apolipoprotein B zeigt, wie viele Teilchen unterwegs sind, die sich in den Gefäßwänden ablagern können. Und Vitamin D, das eigentlich ein Hormon ist, ist an unzähligen Vorgängen beteiligt, von den Knochen über die Muskeln bis zum Immunsystem. Dazu kommen Entzündungsmarker, der Omega-3-Index, Mineralien im Vollblut, Hormone und Organwerte.
Genauso wichtig ist, was dein Körper leisten kann. Wie viel Kraft hast du in Beinen, Rücken und Händen? Wie gut ist deine Ausdauer? Wie lange brauchst du, um dich nach einer Belastung zu erholen? Diese Fähigkeiten entscheiden mit darüber, ob du mit 80 noch allein die Treppe hochkommst, deine Einkäufe trägst und sicher auf den Beinen stehst. Für einen genauen VO2max-Test arbeiten wir bei Bedarf mit Ärztinnen und Ärzten zusammen.
Und schließlich zählt, wie du lebst. Wie viele Schritte machst du am Tag? Wie oft trainierst du Kraft? Wie schläfst du? Wie gehst du mit Stress um? Diese Fragen klingen banal, aber die wirksamsten Maßnahmen für ein langes, gesundes Leben sind erstaunlich unspektakulär: Bewegung, Krafttraining, guter Schlaf, eine gute Ernährung, wenig Alkohol, nicht rauchen, gute Beziehungen und ein guter Umgang mit Stress.
Niemand kann dir versprechen, dass du dadurch nicht krank wirst. Was man tun kann, ist alles, was nach heutigem Stand der Wissenschaft deinem Körper hilft, gesund zu bleiben, und das früh genug. Daraus bauen wir mit dir eine Routine, die zu deinem Alltag passt und die du nicht nur vier Monate, sondern die nächsten Jahre lebst.



