Zwei Wege, Histamin abzubauen
Histamin ist ein Botenstoff, den der Körper ständig braucht. Er regt die Magensäure an, steuert Teile des Immunsystems, weitet Blutgefäße und hält uns im Gehirn wach. Gleichzeitig kommt Histamin mit dem Essen in den Körper, vor allem aus lange gereiften, fermentierten oder gelagerten Lebensmitteln. Damit es nicht zu viel wird, hat der Körper zwei Abbauwege.
Der erste Weg ist die Diaminoxidase, kurz DAO. Ihr Gen heißt offiziell AOC1, in Berichten wird es aber fast immer DAO genannt. Die DAO arbeitet außerhalb der Zellen. Sie wird vor allem in der Schleimhaut des Dünndarms gebildet und fängt dort das Histamin aus der Nahrung ab, bevor es ins Blut gelangt. Man kann sie sich wie einen Türsteher vorstellen, der am Eingang kontrolliert, wie viel hereinkommt. Auch in den Nieren und in der Plazenta kommt sie vor. In der Schwangerschaft bildet die Plazenta besonders viel DAO, was erklärt, warum manche Frauen mit Histaminproblemen in dieser Zeit plötzlich vieles besser vertragen.
Der zweite Weg ist die Histamin-N-Methyltransferase, kurz HNMT. Sie arbeitet innerhalb der Zellen und baut das Histamin ab, das dort entsteht oder hineingelangt. Sie kommt in vielen Organen vor, besonders in Leber, Lunge und Gehirn. Im Gehirn ist sie sogar das einzige Enzym, das Histamin abbauen kann. Dafür hängt sie dem Histamin eine Methylgruppe an, die sie aus dem Methylierungskreislauf bekommt.
Beide Wege ergänzen sich. Die DAO kümmert sich vor allem um das, was von außen kommt, die HNMT um das, was im Körper selbst anfällt. Arbeitet einer der beiden Wege langsamer, kann der andere einen Teil abfangen. Arbeiten beide langsamer, oder kommt gleichzeitig viel Histamin an, läuft das Fass schneller über.
Daraus ergibt sich, warum ein Blick auf die Gene allein so wenig aussagt. Wie viel Histamin im Körper kreist, hängt nicht nur davon ab, wie gut abgebaut wird, sondern auch davon, wie viel gebildet und aufgenommen wird. Und diese Seite bestimmen vor allem Darm, Immunsystem, Stress und Hormone.
DAO-Varianten: was sie bedeuten und was nicht
Beim DAO-Gen werden in Gentests meist mehrere Varianten untersucht. Sie wirken an unterschiedlichen Stellen. Manche liegen im Steuerbereich des Gens und führen dazu, dass weniger Enzym gebildet wird. Andere verändern den Bauplan des Enzyms selbst, sodass es weniger stabil ist oder langsamer arbeitet.
Für dein Ergebnis sind zwei Dinge wichtig. Erstens, wie viele Varianten du trägst. Viele davon haben allein nur eine milde Wirkung. Erst wenn mehrere zusammenkommen, sinkt die Aktivität deutlich. Zweitens, ob eine Variante auf einer oder auf beiden Kopien des Gens liegt. Bei manchen Varianten macht sich erst die doppelte Ausführung spürbar bemerkbar.
Was eine reduzierte DAO-Aktivität nicht bedeutet: dass du eine Histaminunverträglichkeit hast. Sehr viele Menschen tragen solche Varianten und vertragen Histamin völlig normal. Eine Variante beschreibt eine Tendenz. Sie kann erklären, warum jemand empfindlicher reagiert, wenn andere Faktoren dazukommen, aber sie stellt keine Diagnose.
Viel wichtiger als die Gene ist in den meisten Fällen der Zustand des Darms. Weil die DAO in der Dünndarmschleimhaut gebildet wird, sinkt ihre Menge, wenn die Schleimhaut gereizt oder entzündet ist. Gleichzeitig bildet ein entzündeter Darm selbst mehr Histamin, und manche Darmbakterien produzieren es zusätzlich. So kann jemand ganz ohne DAO-Variante Probleme mit Histamin bekommen, und jemand mit mehreren Varianten verträgt fast alles, solange sein Darm gesund ist.
Auch die Versorgung spielt eine Rolle. Die DAO ist ein kupferhaltiges Enzym und kann ohne Kupfer nicht arbeiten. Vitamin C hilft dem Körper zusätzlich, Histamin abzubauen, und beruhigt die Mastzellen, die Histamin ausschütten. Eine eiweißreiche Ernährung liefert die Bausteine für das Enzym selbst. Und bestimmte Fette, etwa aus Olivenöl und Omega-3-reichem Fisch, können die Bildung der DAO unterstützen.
Wer eine DAO-Variante trägt, sollte also vor allem auf seinen Darm achten. Das ist der Hebel, der die meisten Unterschiede macht.
HNMT und die Methylierung
Die HNMT ist das weniger bekannte der beiden Histamin-Enzyme, obwohl sie einen großen Teil des körpereigenen Histamins abbaut. Sie arbeitet in den Zellen von Leber, Lunge, Haut, Darm und Gehirn.
Für ihre Arbeit braucht sie eine Methylgruppe. Diese bekommt sie von SAMe, dem wichtigsten Methylgruppenspender des Körpers. SAMe entsteht im Methylierungskreislauf, für den Folat, B12 und das MTHFR-Enzym entscheidend sind. Hier zeigt sich, wie eng die Gene zusammenhängen. Wer eine langsame MTHFR trägt und wenig Folat oder B12 hat, liefert der HNMT womöglich weniger Methylgruppen. Dann kann sie Histamin langsamer abbauen, auch wenn ihr eigenes Gen völlig unauffällig ist.
Bei der HNMT selbst gibt es eine häufige Variante, bei der an einer Stelle des Enzyms eine Aminosäure ausgetauscht ist. Das Enzym arbeitet dann etwas weniger effektiv. Wie bei der DAO gilt: Die Variante ist ein Baustein, kein Urteil.
Weil die HNMT im Gehirn das einzige Abbauenzym für Histamin ist, hat sie dort eine besondere Rolle. Histamin ist im Gehirn ein Wachmacher. Es hält uns tagsüber aufmerksam und sinkt in der Nacht ab. Wird es langsamer abgebaut oder kommt zu viel davon an, kann das Einschlafen schwerer fallen, man wacht nachts eher auf oder fühlt sich innerlich unruhig. Das ist einer der Gründe, warum Histamin und Schlaf so oft zusammen genannt werden.
Für den Alltag bedeutet das: Wer eine HNMT-Variante trägt oder Hinweise auf eine langsame Methylierung hat, sollte auf eine gute Versorgung mit Folat aus grünem Blattgemüse und Hülsenfrüchten, mit B12 aus tierischen Lebensmitteln oder einer Ergänzung und mit Eiweiß achten. Ob es reicht, zeigt das Homocystein im Blut. Ist es erhöht, fehlt oft Nachschub für die Methylierung, und damit auch für die HNMT.
Auch Stress beansprucht diesen Kreislauf. Stresshormone werden ebenfalls mit Hilfe von Methylgruppen abgebaut, und unter Stress schütten die Mastzellen zusätzlich Histamin aus. Wer dauerhaft unter Strom steht, belastet die HNMT also gleich doppelt.
Was du bei einer Histamin-Veranlagung tun kannst
Wenn dein Gentest auf eine langsamere DAO oder HNMT hinweist, heißt das nicht, dass du für immer auf Rotwein, Käse und Tomaten verzichten musst. Es heißt, dass dein Fass etwas schneller voll werden kann. Und das Fass hat mehrere Zuläufe, die du beeinflussen kannst.
Der wichtigste ist der Darm. Eine gesunde Dünndarmschleimhaut bildet mehr DAO, ein ausgeglichenes Mikrobiom produziert weniger Histamin. Viel Gemüse, Ballaststoffe und Vielfalt, wenig stark verarbeitete Lebensmittel und wenig Alkohol sind die Grundlage. Bei Beschwerden zeigt eine Mikrobiomanalyse, ob histaminbildende Bakterien überwiegen oder die Schleimhaut gereizt ist.
Der zweite Zulauf ist der Stress. Stresshormone und Histamin treiben sich gegenseitig an: Unter Druck geben die Mastzellen, die Histaminspeicher des Immunsystems, ihren Inhalt frei, und das Histamin heizt die Stressreaktion weiter an. Viele merken, dass sie im Urlaub Dinge vertragen, die im Arbeitsalltag Beschwerden machen. Ohne ein Stressmanagement, das zu dir passt, lässt sich eine Histaminneigung oft nicht vollständig in den Griff bekommen.
Der dritte sind die Hormone. Ein hoher Östrogenspiegel verlangsamt den Histaminabbau, und Histamin regt seinerseits die Östrogenbildung an. In den Tagen mit viel Östrogen im Zyklus haben manche Frauen deshalb mehr Beschwerden. Ein ausgeglichenes Verhältnis von Östrogen und Progesteron entlastet auch den Histaminhaushalt.
Der vierte ist der Schlaf. Nachts räumt das Immunsystem auf, und wer schlecht schläft, hat am nächsten Tag mehr Stresshormone und oft auch mehr Histamin im System.
Und schließlich die Ernährung. Bei starken Beschwerden kann eine histaminarme Phase für einige Wochen Druck aus dem System nehmen. Sie ist aber immer eine Phase, keine Dauerlösung, und am Ende steht die Wiedereinführung. Enzymkapseln, die man vor einer histaminreichen Mahlzeit nimmt, können in Einzelfällen helfen, ersetzen aber nicht die Arbeit an den Ursachen.
Wer plötzlich schwer Luft bekommt, wem schwindlig wird oder wessen Gesicht anschwillt, braucht sofort ärztliche Hilfe, das ist keine Frage für einen Fahrplan.



