Dünner werden ist nicht dasselbe wie ausfallen
Wenn Frauen sagen, ihr Haar sei dünner geworden, können drei ganz verschiedene Dinge dahinterstecken. Es lohnt sich, sie auseinanderzuhalten, weil jede eine andere Ursache hat.
Die erste Möglichkeit: Es fallen mehr Haare aus als früher. Dann sind am Ende weniger Haare auf dem Kopf, und der Zopf wird schmaler. Das ist typisch für ein telogenes Effluvium, bei dem viele Haare gleichzeitig in die Ruhephase gehen, etwa nach Stress, einem Infekt, einer Geburt oder bei einem Nährstoffmangel. Das Haar dünnt dann meist gleichmäßig am ganzen Kopf aus.
Die zweite Möglichkeit: Die Zahl der Haare bleibt ähnlich, aber jedes einzelne Haar wird feiner. Unter dem Einfluss von DHT schrumpfen empfindliche Haarwurzeln langsam. Die Haare, die nachwachsen, sind dünner, kürzer und heller als die alten, bis sie kaum noch zu sehen sind. Bei Frauen zeigt sich das meist als breiter werdender Mittelscheitel und lichter werdendes Haar am Oberkopf, während der Haaransatz an der Stirn meist erhalten bleibt. Eine Glatze wie bei Männern entsteht dabei selten.
Die dritte Möglichkeit: Die Haare brechen ab. Sie wachsen nach, erreichen aber nie ihre volle Länge. Du findest dann viele kurze Haarstücke ohne Wurzel. Das spricht dafür, dass das Haar selbst schwach gebaut ist, etwa durch Nährstoffmängel oder eine langsame Schilddrüse, oder dass es durch Hitze, Färben und straffe Frisuren geschädigt wurde.
Oft mischen sich die Formen. Eine Frau mit empfindlichen Haarwurzeln merkt die Veranlagung vielleicht erst, als nach einer stressigen Phase und mit leerem Eisenspeicher zusätzlich viele Haare ausfallen. Darum fragen wir in der Anamnese so genau, wie sich das Haar verändert hat, und schauen auf alle drei Möglichkeiten. Ein Tipp für dich: Sammle einmal die Haare aus Bürste und Abfluss und schau sie dir an. Haben sie am Ende ein kleines helles Knötchen, sind sie mit der Wurzel ausgefallen. Fehlt es, sind sie abgebrochen.
Den Eisenspeicher richtig lesen
Eisen ist bei Frauen mit dünner werdendem Haar eines der ersten Themen, auf die es sich zu schauen lohnt. Die Monatsblutung kostet jeden Monat Eisen, besonders wenn sie stark ist. Wer wenig Fleisch isst oder sich vegetarisch oder vegan ernährt, nimmt außerdem weniger gut verwertbares Eisen auf. Und in Schwangerschaft und Stillzeit ist der Bedarf deutlich erhöht.
Das Tückische ist, dass ein Eisenmangel lange unbemerkt bleibt. Der Körper hält das Hämoglobin, den roten Blutfarbstoff, so lange wie möglich stabil und greift dafür auf seine Speicher zurück. Das Blutbild ist dann unauffällig, aber die Speicher sind leer. Für die Haare reicht das schon, denn an ihnen spart der Körper zuerst.
Den Speicher zeigt das Ferritin. Viele Labore geben dafür einen sehr weiten Normbereich an, in den fast jede Frau hineinfällt. Ein Wert unter etwa 50 ist aber schon ungünstig, auch wenn er noch als normal gilt.
Allein darf man das Ferritin trotzdem nicht lesen. Es steigt bei Entzündungen an, auch bei stillen Entzündungen, die man nicht spürt. Ein scheinbar gutes Ferritin kann deshalb einen Mangel verdecken. Darum schauen wir immer auch auf das Eisen selbst, die Transferrinsättigung und das CRP. Erst zusammen ergeben sie ein ehrliches Bild.
Und Eisen braucht Partner. Kupfer hilft dabei, Eisen im Körper zu transportieren. Vitamin C verbessert die Aufnahme aus pflanzlichen Lebensmitteln. Kaffee, schwarzer Tee und Milchprodukte direkt zur Mahlzeit können die Aufnahme dagegen bremsen, ebenso andere Mineralien in einer Kapsel. Und wenn der Darm entzündet ist, kommt auch bei guter Zufuhr wenig an.
Sehr starke Blutungen, bei denen du stündlich wechseln musst, oder Blutungen, die deutlich länger als eine Woche dauern, sollten frauenärztlich abgeklärt werden. Ein Eisenmangel ist dann oft nur die Folge, nicht die Ursache.
Wenn die Haarwurzeln auf Androgene reagieren
Männliche Hormone, die Androgene, hat jede Frau. Sie werden in den Eierstöcken und in der Nebenniere gebildet und sind wichtig für Antrieb, Muskeln und Lust. Für die Haare kann ein Zuviel aber zum Problem werden, vor allem wenn die Haarwurzeln empfindlich darauf reagieren.
Der entscheidende Stoff ist DHT. Es entsteht mithilfe eines Enzyms aus Testosteron und wirkt an der Haarwurzel deutlich stärker. Ob eine Haarwurzel darauf empfindlich ist, legen zum großen Teil die Gene fest. Der Lebensstil entscheidet aber mit, wie früh und wie stark sich das zeigt.
Ein häufiger Grund für zu viele Androgene ist ein PMOS. Dabei reifen die Eibläschen nicht richtig, der Eisprung bleibt oft aus, und die Eierstöcke bilden mehr männliche Hormone. Ein hoher Insulinspiegel kann das zusätzlich antreiben. Typisch sind dann neben dünner werdendem Kopfhaar auch Pickel am Kinn und am Kiefer, unregelmäßige Zyklen und vermehrte Haare an Kinn, Oberlippe oder Bauch.
Auch Stress spielt mit. Wer dauerhaft unter Strom steht, bildet viel Cortisol. Die Nebenniere schüttet dann oft zusätzlich DHEA aus, ein Hormon, aus dem wiederum Androgene entstehen können. Dazu kommt, dass bei viel Stress weniger Progesteron gebildet wird. Progesteron bremst das Enzym, das Testosteron in DHT umwandelt. Fehlt es, kann mehr DHT entstehen.
Darum reicht es nicht, nur das Testosteron zu messen. Wichtig ist auch das SHBG, ein Eiweiß, das Hormone im Blut bindet. Ist es niedrig, ist mehr freies und damit wirksames Testosteron unterwegs, auch wenn der Gesamtwert normal aussieht. Ein niedriges SHBG hängt oft mit einem hohen Insulinspiegel zusammen.
Für den Fahrplan heißt das: Blutzucker stabilisieren, Stress senken, die Ernährung anpassen und Mängel ausgleichen. Hormone und Medikamente gehören in die Hände deiner Ärztin oder deines Arztes, wir stimmen uns gern ab.
Die Schilddrüse und das Haar
Die Schilddrüse ist so etwas wie das Gaspedal des Stoffwechsels. Ihre Hormone bestimmen, wie schnell sich Zellen erneuern, und die Haarwurzel ist eine der aktivsten Zellgruppen im Körper. Läuft die Schilddrüse zu langsam, merkt man das oft zuerst an Haut und Haaren.
Typisch für eine Unterfunktion ist dünnes, trockenes und glanzloses Haar, das leicht bricht. Dazu kommen häufig Müdigkeit, Frieren, trockene Haut, Verstopfung und eine Gewichtszunahme, die sich nicht erklären lässt. Viele Frauen kennen mehrere dieser Beschwerden, bringen sie aber nicht mit der Schilddrüse in Verbindung.
Gemessen wird oft nur das TSH, das Steuerhormon aus dem Gehirn. Es ist ein guter erster Hinweis, zeigt aber nicht alles. Viele Labore geben einen Normbereich bis 4,5 oder sogar höher an, und manche Frauen haben mit Werten im oberen Normbereich schon deutliche Beschwerden. Darum schauen wir zusätzlich auf die freien Hormone T4 und T3. T4 ist die Speicherform, T3 die aktive Form, die in den Zellen wirkt.
Die Umwandlung von T4 in T3 hängt von Nährstoffen ab, vor allem von Selen, Zink und Eisen. Auch Stress bremst sie, denn viel Cortisol lässt weniger aktives Hormon entstehen. So kann es sein, dass das TSH unauffällig ist, beim Haar aber trotzdem zu wenig ankommt.
Auch eine Überfunktion kann übrigens Haare kosten, weil die Haarzyklen dann zu schnell durchlaufen werden.
Wenn deine Werte auf eine Erkrankung der Schilddrüse hinweisen, gehört die weitere Abklärung in ärztliche Hände. Ob Hormone nötig sind und in welcher Dosis, entscheidet deine Ärztin oder dein Arzt. Wir kümmern uns um die Grundlagen, also um Nährstoffe, Ernährung und Stress, damit die Schilddrüse gut arbeiten kann.



