Wenn das Immunsystem die Orientierung verliert
Ein gesundes Immunsystem kann etwas Erstaunliches: Es unterscheidet zwischen fremd und eigen, zwischen gefährlich und harmlos. Es greift Viren und Bakterien an, lässt aber deine Zellen, deine Darmbakterien und dein Essen in Ruhe. Diese Fähigkeit nennt man Toleranz. Bei einer Autoimmunerkrankung geht sie an einer Stelle verloren, und das Immunsystem richtet sich gegen eigenes Gewebe.
Je nachdem, wogegen es sich richtet, entstehen ganz unterschiedliche Krankheiten. Bei Hashimoto ist es die Schilddrüse, bei rheumatoider Arthritis sind es die Gelenke, bei Morbus Bechterew die Wirbelsäule, bei der Schuppenflechte die Haut, bei der Zöliakie die Dünndarmschleimhaut. So verschieden diese Erkrankungen aussehen, im Kern steht immer ein Immunsystem, das das Maß verloren hat.
Warum passiert das? Eine Rolle spielt die Veranlagung, aber sie allein erklärt nicht, warum Autoimmunerkrankungen in den letzten Jahrzehnten so viel häufiger geworden sind. Ein hilfreiches Bild ist eine Wache, die ständig provoziert wird. Wird sie den ganzen Tag gereizt, von Stoffen aus einem durchlässigen Darm, von Dauerstress, von Infekten, von einer Ernährung, die Entzündungen fördert, wird sie irgendwann übernervös. Dann schlägt sie auch dort zu, wo kein Feind ist. Das Immunsystem ist dann nicht schwach, sondern überfordert.
Auffällig ist auch, dass eine Autoimmunerkrankung selten allein bleibt. Wer eine hat, hat ein höheres Risiko für eine zweite. Bei Hashimoto zum Beispiel findet sich häufiger auch eine Zöliakie. Das spricht dafür, dass es oft einen gemeinsamen Boden gibt, auf dem verschiedene Autoimmunreaktionen wachsen.
Genau dort setzt unsere Begleitung an. Die Erkrankung selbst und ihre Behandlung gehören in ärztliche Hände. Den Boden aber, also die Bedingungen, unter denen dein Immunsystem arbeitet, kannst du im Alltag stark beeinflussen. Wie viel sich dadurch verändert, ist sehr individuell. Viele beschreiben mehr Energie und ruhigere Beschwerden, wenn Darm, Nährstoffe und Stress in Ordnung kommen. Ein Versprechen geben wir dabei nicht.
Die Auslöser im Alltag: Darm, Stress und Entzündung
Wenn wir Menschen mit Autoimmunerkrankungen begleiten, suchen wir nach dem, was ihr Immunsystem im Alltag antreibt. Bei dem einen ist es eher der Stress, bei der anderen eher der Darm, oft kommen mehrere Dinge zusammen.
Der Darm ist die größte Kontaktfläche des Körpers zur Außenwelt. Täglich passieren ihn Nahrung, Bakterien und Fremdstoffe. Eine intakte Darmschleimhaut lässt Nährstoffe durch und hält den Rest draußen. Ist sie durchlässig, Fachleute sprechen von einem Leaky Gut, gelangen Stoffe ins Blut, die das Immunsystem in Alarm versetzen. Ursachen dafür können ein unausgewogenes Mikrobiom, eine ballaststoffarme Ernährung, häufige Medikamente, Alkohol oder Dauerstress sein. Eine spezifische Behandlung des Leaky Gut gibt es nicht, die Forschung dazu läuft noch. Aber vieles, was die Darmschleimhaut stärkt, lässt sich im Alltag umsetzen.
Stress wirkt auf mehreren Wegen. Er schwächt die Darmbarriere, denn unter Stress öffnet der Körper sie kurzzeitig, um schnell Energie aufzunehmen. Bei Dauerstress bleibt sie zu lange offen. Er verschiebt das Gleichgewicht im Immunsystem, fördert Entzündungen und raubt den Schlaf, in dem sich die Abwehr reguliert.
Die stille Entzündung ist der dritte große Treiber. Bauchfett bildet selbst entzündungsfördernde Botenstoffe. Eine Insulinresistenz, wenig Bewegung, Rauchen und viel Zucker halten die Entzündung am Laufen. All das kann eine bestehende Autoimmunerkrankung zusätzlich anheizen.
Und schließlich Infekte. Manche Infekte können eine Autoimmunreaktion anstoßen oder einen Schub auslösen. Ein gut versorgtes Immunsystem, das Infekte schnell erledigt, ist deshalb auch hier im Vorteil.
Für jeden dieser Bereiche gibt es Hebel, und genau die stellen wir in deinem Fahrplan zusammen, in der Reihenfolge, die zu dir passt.
Was Begleitung leisten kann und was nicht
Uns ist wichtig, ehrlich zu sein, was wir tun und was nicht. Eine Autoimmunerkrankung gehört in ärztliche Behandlung. Medikamente, die das Immunsystem dämpfen, können Organe und Gelenke vor bleibenden Schäden schützen. Wir raten niemals dazu, sie abzusetzen oder zu verändern. Das besprichst du ausschließlich mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.
Was wir tun: Wir kümmern uns um die Bereiche, die du im Alltag selbst beeinflussen kannst. Das sind die Nährstoffe, die Ernährung, der Darm, die Bewegung, der Schlaf und der Umgang mit Stress. Diese Bereiche ersetzen keine Behandlung, aber sie bestimmen mit, unter welchen Bedingungen dein Immunsystem arbeitet.
Ein Punkt, der oft übersehen wird: Manche Medikamente erhöhen den Bedarf an bestimmten Nährstoffen. Cortisonpräparate zum Beispiel können dazu führen, dass mehr Calcium, Magnesium und Zink ausgeschieden werden und der Vitamin-D-Haushalt leidet. Das ist kein Grund, an der Behandlung zu zweifeln, sondern ein Grund, die Nährstoffe im Blick zu behalten. Darum schauen wir regelmäßig auf deine Blutwerte.
Es gibt auch klare Grenzen. Bei einem akuten, schweren Schub ist die ärztliche Behandlung dran, nicht ein Ernährungsplan. Bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa begleiten wir bei Nährstoffen und Alltag, setzen aber kein Darmprogramm ein, das in die Darmbehandlung eingreift. Und wenn wir in deinen Werten etwas Auffälliges sehen, empfehlen wir dir die ärztliche Abklärung.
Am besten funktioniert die Begleitung, wenn alle in dieselbe Richtung arbeiten. Nimm deine Befunde und deinen Fahrplan deshalb gern mit in den nächsten Arzttermin. So bleibt deine Ärztin oder dein Arzt im Bild, sieht, welche Supplements du nimmst, und du musst nicht zwischen zwei Welten vermitteln.
Ernährung, Nährstoffe und Bewegung bei Autoimmunerkrankungen
Eine Ernährung, die eine Autoimmunerkrankung zum Verschwinden bringt, gibt es nicht. Es gibt aber eine Ernährung, die Entzündungen nicht zusätzlich befeuert, und es gibt Menschen, die auf einzelne Lebensmittel besonders reagieren.
Die Basis ist für fast alle gleich. Viel und vielfältiges Gemüse, Hülsenfrüchte, Nüsse und Saaten liefern Ballaststoffe, von denen die guten Darmbakterien leben. Diese bilden daraus Stoffe, die die Darmschleimhaut nähren und das Immunsystem beruhigen. Fetter Seefisch liefert Omega-3-Fettsäuren. Genug Eiweiß schützt die Muskeln, die bei vielen Autoimmunerkrankungen und unter manchen Medikamenten leiden. Zucker, stark verarbeitete Lebensmittel und Alkohol hältst du dagegen gering.
Darüber hinaus wird es individuell. Manche Menschen mit Autoimmunerkrankungen vertragen bestimmte Lebensmittel schlechter, etwa Gluten, Milcheiweiß oder bestimmte Hülsenfrüchte. Andere vertragen sie problemlos. Statt pauschal alles zu streichen, was im Internet verdächtig ist, testen wir gezielt und zeitlich begrenzt, beobachten genau und führen wieder ein, was gut tut. Eine zu enge Ernährung über lange Zeit führt sonst schnell zu neuen Nährstofflücken.
Bei den Nährstoffen stehen Vitamin D und Omega-3 ganz vorne. Bei Autoimmunerkrankungen achten wir besonders darauf, dass beide Speicher gut gefüllt sind. Dazu kommen Zink, Selen und Magnesium, die das Immunsystem und den Zellschutz unterstützen. Wir dosieren nach deinen Werten und prüfen im Verlauf, ob sie ankommen.
Und dann ist da die Bewegung. Regelmäßige, angepasste Bewegung senkt die stille Entzündung, verbessert die Insulinsensitivität und hält Gelenke und Muskeln beweglich. Dabei geht es nicht um Höchstleistung. Gerade bei einer Autoimmunerkrankung gilt: lieber regelmäßig und mit Erholung als selten und bis zur Erschöpfung. Genug Schlaf gehört genauso dazu, denn im Schlaf reguliert sich das Immunsystem.

