Der richtige Tag entscheidet
Bei kaum einer Laboruntersuchung ist der Zeitpunkt so wichtig wie bei den weiblichen Hormonen. Und bei kaum einer wird er so oft übersehen.
Der Zyklus beginnt mit dem ersten Tag der Blutung. In der ersten Hälfte, der Follikelphase, reift im Eierstock ein Bläschen mit der Eizelle heran. Das Gehirn treibt diesen Prozess mit den Hormonen FSH und LH an, und das Östradiol steigt bis zum Eisprung an. Danach beginnt die zweite Hälfte, die Lutealphase. Aus dem leeren Bläschen wird der Gelbkörper, und der bildet Progesteron.
Daraus ergeben sich zwei Messfenster. FSH und LH misst man zu Beginn des Zyklus, etwa am vierten bis sechsten Zyklustag, am besten zusammen mit dem Östradiol. Das ist zum Beispiel wichtig, wenn es um Zyklusstörungen oder die Frage nach der Perimenopause geht, also den Jahren vor der letzten Blutung. Progesteron und Östradiol misst man in der zweiten Hälfte, bei einem Zyklus von 28 Tagen etwa am 19. bis 21. Tag. Dann ist das Progesteron auf seinem Höhepunkt, und man sieht, wie es zum Östradiol steht.
Wer Progesteron dagegen in der ersten Zyklushälfte misst, findet fast immer einen sehr niedrigen Wert. Das ist kein Mangel, sondern Biologie, denn zu diesem Zeitpunkt wird es noch kaum gebildet.
Ist dein Zyklus länger, verschiebt sich das zweite Fenster nach hinten. Das Schwierige daran: Wie lang ein Zyklus war, weiß man erst, wenn die nächste Blutung kommt. Ein Zyklustagebuch über einige Monate hilft deshalb sehr, den richtigen Tag zu treffen. Wer es genauer wissen will, kann den Eisprung zusätzlich mit einem Eisprungtest aus der Apotheke bestimmen.
Und wenn gar kein Zyklus da ist, etwa weil die Blutung seit Monaten ausbleibt oder die Menopause schon vorbei ist? Dann gibt es auch keine zyklischen Schwankungen, und man kann an jedem Tag messen.
Wichtig ist noch: Vergleiche nie Werte aus verschiedenen Zyklusphasen miteinander. Ein Östradiol vom dritten Tag und eines vom 20. Tag sind zwei verschiedene Dinge, auch wenn sie dieselbe Bezeichnung tragen.
Östradiol und Progesteron: Auf das Verhältnis kommt es an
Östradiol und Progesteron sind so etwas wie Gas und Bremse des weiblichen Zyklus. Östradiol baut auf: die Gebärmutterschleimhaut, Knochen, Haut, und im Gehirn Antrieb und gute Stimmung. Progesteron stabilisiert, beruhigt und gleicht aus. Es fördert den Schlaf, wirkt entspannend und hält das Östrogen in Schach.
Die meisten Beschwerden entstehen, wenn die beiden nicht zueinander passen. Ist das Progesteron im Verhältnis zum Östradiol zu niedrig, spricht man von einer Östrogendominanz. Das Östradiol muss dafür gar nicht hoch sein, es fehlt einfach der Gegenspieler. Typisch sind PMS, Brustspannen, Wassereinlagerungen, starke Blutungen, Reizbarkeit und schlechter Schlaf in der zweiten Zyklushälfte.
Ein sehr niedriges Progesteron in der zweiten Zyklushälfte hat oft einen einfachen Grund: In diesem Zyklus gab es keinen Eisprung. Ohne Eisprung kein Gelbkörper, und ohne Gelbkörper kaum Progesteron. Die Blutung kommt trotzdem, deshalb merkt man einen Zyklus ohne Eisprung oft nicht. Dauerstress, zu wenig Essen, sehr viel Sport und eine träge Schilddrüse können dazu beitragen.
Das erklärt auch, warum Befunde sich manchmal widersprechen. In einem Monat gab es einen Eisprung und ein gutes Progesteron, im nächsten nicht. Beide Werte stimmen, sie beschreiben nur verschiedene Zyklen. Darum lesen wir Hormonwerte nie losgelöst, sondern zusammen mit deinem Zyklustagebuch und deinen Beschwerden. Und für den Verlauf deiner Werte misst man am besten das ganze Hormonbild erneut, nicht nur ein einzelnes Hormon.
Auch ein zu niedriges Östradiol macht Beschwerden, etwa in der Stillzeit, nach der Menopause oder wenn der Körper wegen eines starken Energiedefizits den Zyklus herunterfährt. Dann stehen oft Hitzewallungen, trockene Schleimhäute, weniger Lust, Erschöpfung und Konzentrationsprobleme im Vordergrund.
Was daraus folgt, hängt immer von der Ursache ab. Bei einem Zyklus ohne Eisprung durch Stress sind Stressmanagement und genug Essen der erste Hebel, bei einer trägen Schilddrüse eher die Nährstoffe dafür. Ob zusätzlich Hormone sinnvoll sind, entscheidest du mit deiner Frauenärztin oder deinem Frauenarzt.
Testosteron, DHEA und SHBG: die männlichen Hormone der Frau
Testosteron ist kein reines Männerhormon. Auch Frauen bilden es, in den Eierstöcken und in der Nebenniere. Rechnet man beide Hormone in dieselbe Einheit um, haben Frauen sogar mehr Testosteron als Östradiol im Blut, nur eben deutlich weniger als Männer. Testosteron trägt zu Lust, Antrieb, Muskelkraft und Knochen bei.
Ist es zu niedrig, können Lust, Antrieb und Kraft nachlassen. Ist es zu hoch, zeigt sich das oft an der Haut und den Haaren: unreine oder fettige Haut, vermehrter Haarwuchs an Kinn, Oberlippe oder Bauch, manchmal dünner werdendes Kopfhaar, dazu ein unregelmäßiger Zyklus.
Hier kommt das SHBG ins Spiel. Es ist ein Bindungseiweiß aus der Leber, das Testosteron, Östradiol und andere Geschlechtshormone im Blut festhält. Gebunden sind die Hormone gut transportiert, aber kaum wirksam. Entscheidend ist der freie Teil. Darum gehört das SHBG immer dazu, wenn Geschlechtshormone gemessen werden. Ein niedriges SHBG bedeutet, dass mehr freies Testosteron unterwegs ist, auch wenn das Gesamttestosteron normal aussieht. Häufiger Grund dafür ist viel Insulin im Blut, also eine beginnende Insulinresistenz. Ein hohes SHBG zeigt sich zum Beispiel unter der Pille, und dann sind trotz guter Gesamtwerte nur wenige freie Hormone verfügbar.
Das DHEA-S ist eine Hormonvorstufe aus der Nebenniere, aus der der Körper unter anderem Testosteron und Östradiol bilden kann. Es verhält sich oft ähnlich wie das Stresshormon Cortisol und gibt deshalb Hinweise, ob Stress bei deinen Beschwerden eine Rolle spielt.
Ein wichtiger Punkt beim Testosteron ist wieder der Zeitpunkt. Rund um die Zyklusmitte steigt es ganz natürlich an, ähnlich wie das Östrogen. Wer genau dann misst, findet einen erhöhten Wert, der mit einem Übergewicht männlicher Hormone wenig zu tun hat. Ein einzelner erhöhter Wert ist deshalb noch kein PMOS. Die Diagnose stellt deine Frauenärztin oder dein Frauenarzt anhand mehrerer Kriterien, und es lohnt sich, auffällige Werte erneut zum passenden Zeitpunkt zu messen und andere Ursachen auszuschließen. Wir helfen dir zu verstehen, was hinter deinen Werten stecken könnte, etwa eine Insulinresistenz oder Stress.
Hormone im Zusammenhang lesen
Die Geschlechtshormone arbeiten nicht allein. Sie hängen an einem Netz aus anderen Hormonen, Nährstoffen und deinem Stoffwechsel, und genau dieses Netz entscheidet oft, wo der eigentliche Hebel liegt.
Die Schilddrüse ist der wichtigste Partner. Das Schilddrüsenhormon T4 unterstützt die Reifung der Eizelle, das aktive T3 den Eisprung. Läuft die Schilddrüse träge, wird der Zyklus oft unregelmäßig, die Blutung stärker, und der Eisprung kann ausbleiben. Wer Zyklusbeschwerden hat, sollte deshalb immer auch TSH, freies T3 und freies T4 kennen. Für die Schilddrüse braucht der Körper wiederum Jod, Selen und Eisen.
Der Blutzucker ist der zweite Partner. Viel Insulin regt die Eierstöcke an, mehr Testosteron zu bilden, und senkt gleichzeitig das SHBG. Darum gehören Nüchterninsulin und Blutzucker zu jeder Hormondiagnostik, wenn der Zyklus unregelmäßig ist oder das Testosteron hoch.
Der Eisenstatus ist der dritte. Starke Blutungen leeren die Eisenspeicher. Ein Ferritin unter etwa 50 ist bereits ein Grund zu handeln, auch wenn noch keine Blutarmut besteht.
Und schließlich die Lebensphase. Mit 25 geht es oft um Zyklus, Haut oder die Zeit nach der Pille. Ab Mitte 30 sinkt bei vielen Frauen langsam das Progesteron, oft lange bevor sich beim Östrogen etwas tut. In der Perimenopause schwanken die Hormone so stark, dass ein einzelner Wert besonders wenig sagt. Dort steigt auch das FSH, weil das Gehirn die Eierstöcke immer stärker antreiben muss. Nach der Menopause sind Östradiol und Progesteron dauerhaft niedrig.
Darum fragen wir in der Anamnese so genau nach. Erst wenn wir wissen, in welcher Phase du bist, wie dein Zyklus läuft und wie es Schilddrüse, Blutzucker und Eisen geht, ergeben deine Hormonwerte ein Bild. Daraus entsteht dein Fahrplan, und wenn Hormone vom Arzt ein Thema sein könnten, sagen wir es dir.
