Wie Testosteron entsteht und was es tut
Testosteron wird beim Mann vor allem in den Hoden gebildet, aber das Kommando dafür kommt aus dem Gehirn. Der Hypothalamus gibt ein Signal an die Hirnanhangdrüse, und die schickt das Steuerhormon LH zu den Hoden. Dort regt es spezielle Zellen an, Testosteron zu bilden. Steigt der Spiegel ausreichend, nimmt das Gehirn sein Signal wieder zurück. Ein Regelkreis wie ein Thermostat.
Testosteron ist an fast allem beteiligt, was Männer an sich selbst bemerken. Es fördert den Aufbau von Muskeln und den Erhalt der Knochen. Es beeinflusst Antrieb, Libido, Stimmung und Konzentration. Es regt die Bildung roter Blutkörperchen an und hilft dem Körper, Fett zu verbrennen statt einzulagern. Und es verbessert direkt am Insulinrezeptor, wie gut die Zellen auf Insulin reagieren, unabhängig davon, wie viel Muskulatur man hat.
Ein Teil des Testosterons wird im Körper in Östrogen umgewandelt, und auch das braucht der Mann, etwa für Knochen, Gehirn und Libido. Entscheidend ist das Verhältnis der beiden. Am stärksten findet diese Umwandlung im Fettgewebe statt, und darum hängt das Testosteron so eng mit dem Bauchfett zusammen.
Der Regelkreis erklärt auch, warum man bei einem niedrigen Testosteron immer fragen sollte, wo die Störung sitzt. Arbeiten die Hoden nicht richtig, versucht das Gehirn gegenzusteuern, und das LH steigt. Ist dagegen das Signal aus dem Gehirn gedrosselt, sind Testosteron und LH beide niedrig oder das LH nur knapp normal. Genau das sieht man häufig bei übergewichtigen Männern. Ihr Gehirn wird durch Botenstoffe aus dem Bauchfett und durch Entzündungen gebremst. Die Hoden könnten, sie bekommen nur zu wenig Auftrag.
Diese Unterscheidung ist wichtig, weil sie den Weg vorgibt. Eine Störung der Hoden oder ein Problem in der Hirnanhangdrüse, etwa ein deutlich erhöhtes Prolaktin, gehört in ärztliche Hände. Ein gedrosseltes Signal durch Übergewicht, Schlafmangel, Stress oder Alkohol dagegen ist in vielen Fällen umkehrbar, und genau dort setzen wir an.
Richtig messen: gesamt, frei und SHBG
Viele Männer haben schon einmal ihr Testosteron messen lassen und einen Wert bekommen, mit dem sie wenig anfangen konnten. Das liegt oft daran, wie und was gemessen wurde.
Der Zeitpunkt ist das Erste. Testosteron folgt einem Tagesrhythmus, mit den höchsten Werten am frühen Morgen. Darum sollte die Blutabnahme morgens stattfinden, am besten zwischen 8 und 10 Uhr, und nüchtern. Ein Wert vom Nachmittag kann deutlich niedriger ausfallen und ein falsches Bild ergeben. Weil Testosteron auch von Tag zu Tag schwankt, nach einer kurzen Nacht oder einem harten Training, sollte ein auffälliger Wert an einem zweiten Morgen bestätigt werden, bevor man Schlüsse zieht.
Das Zweite ist das SHBG. Der größte Teil des Testosterons im Blut ist an Transporteiweiße gebunden, vor allem an dieses SHBG, und steht dem Körper nicht direkt zur Verfügung. Nur der freie Teil kann in die Zellen und wirken. Das SHBG verändert sich mit dem Alter, mit der Schilddrüse, mit Alkohol und mit der Leber. Und es sinkt, wenn das Insulin dauerhaft hoch ist. Darum haben übergewichtige Männer oft ein niedriges SHBG und ein niedriges Gesamttestosteron, während das freie Testosteron noch normal sein kann. Wer nur auf den Gesamtwert schaut, liegt dann daneben.
Das freie Testosteron wird deshalb aus Gesamttestosteron und SHBG berechnet. Diese Berechnung gilt als zuverlässig. Direkte Messungen des freien Testosterons sind dagegen oft ungenau.
Dazu kommen das Östradiol, um das Verhältnis zu sehen, und je nach Lage das LH und das Prolaktin, um zu klären, wo eine Störung sitzt. Und weil Testosteron so eng mit dem Stoffwechsel verbunden ist, gehören Blutzucker, Insulin und HbA1c fast immer dazu.
Wichtig ist auch, was nicht reicht. Ein Laborwert allein ist noch keine Diagnose. Als Orientierung nennen die ärztlichen Leitlinien für das Gesamttestosteron zwei Grenzen: Unter 12 nmol/l beginnt ein Graubereich, unter 8 nmol/l spricht man von einem klaren Mangel. Ein Mangel ist es aber erst, wenn auch typische Beschwerden da sind, und ob und wie behandelt wird, entscheidet deine Ärztin oder dein Arzt. Darum lesen wir deine Werte immer zusammen mit deinen Beschwerden und deinem Alltag. Das Labor misst, wir erklären, und die Diagnose stellt deine Ärztin oder dein Arzt.
Funktioneller Mangel: wenn der Lebensstil bremst
Bei der großen Mehrheit der Männer mit niedrigem Testosteron sind die Hoden völlig in Ordnung. Fachleute sprechen dann von einem funktionellen Mangel. Der Körper könnte genug bilden, aber etwas im Alltag drosselt ihn. Die gute Nachricht: Ein funktioneller Mangel ist in vielen Fällen umkehrbar.
Viele Männer, die zu uns kommen, haben vorher schon einiges probiert: Testo-Booster aus dem Internet, das Frühstück weglassen, weniger Kohlenhydrate. Dass das wenig bringt, liegt meist daran, dass es die eigentliche Bremse nicht löst.
Der häufigste Grund ist Übergewicht, besonders am Bauch. Das Fettgewebe dort ist hormonell aktiv. Es wandelt Testosteron in Östrogen um, und es bildet Botenstoffe, die Entzündungen fördern und die Hormonachse im Gehirn bremsen. Dazu kommt die Insulinresistenz, die das SHBG senkt und die Fetteinlagerung weiter antreibt. Ein Kreislauf, der sich selbst verstärkt.
Der zweite große Faktor ist der Schlaf. Testosteron wird vor allem nachts gebildet. In Studien sank es bei jungen Männern schon nach einer Woche mit nur etwa fünf Stunden Schlaf pro Nacht deutlich, um bis zu 15 Prozent. Auch Schichtarbeit und Schlafapnoe, also nächtliche Atemaussetzer, gehören zu den bekannten Ursachen. Wer laut schnarcht und sich morgens wie gerädert fühlt, sollte das ärztlich abklären lassen.
Der dritte ist Stress. Akuter Stress ist kein Problem, chronischer Stress dagegen ein echter Bremsklotz. Cortisol und Testosteron sind Gegenspieler, und wenn das Cortisol dauerhaft hoch ist, leidet die Testosteronbildung.
Dann der Alkohol. Schon regelmäßige moderate Mengen drücken das Testosteron, und gleichzeitig fördert Alkohol die Umwandlung in Östrogen und belastet die Leber, die das Östrogen abbaut.
Und schließlich das Training und das Essen. Krafttraining hilft vor allem über weniger Bauchfett und eine bessere Insulinsensitivität. Sehr viel Ausdauertraining ohne Erholung kann das Testosteron dagegen deutlich senken. Auch Crash-Diäten und sehr fettarme Ernährung sind ungünstig. Ein moderates Kaloriendefizit, genug Eiweiß und gesunde Fette sind der bessere Weg.
Viele Männer merken nach vier bis acht Wochen mit konsequent umgesetzten Grundlagen eine Veränderung, oft zuerst bei Energie und Kopf.
Testosterontherapie: eine ärztliche Entscheidung
Viele Männer fragen sich, ob sie nicht einfach Testosteron nehmen sollten. Die Antwort ist: Das ist eine Entscheidung für deine Ärztin oder deinen Arzt, nicht für uns. Medikamente und Hormone stellen Ärztinnen und Ärzte ein. Wir geben Hinweise und kümmern uns um die Grundlagen.
Es gibt Männer, bei denen eine Testosterontherapie sinnvoll ist, etwa wenn die Hoden selbst nicht mehr genug bilden oder wenn ein ausgeprägter Mangel mit deutlichen Beschwerden trotz guter Grundlagen bestehen bleibt. Bei der großen Mehrheit der Männer mit niedrigem Testosteron ist sie aber gar nicht nötig, weil sich die Werte über den Lebensstil verbessern lassen, solange der Stoffwechsel nicht zu stark aus dem Gleichgewicht ist.
Dazu kommt: Wer viel Bauchfett hat und von außen Testosteron zuführt, wandelt einen Teil davon gleich wieder in Östrogen um. Ohne die Grundlagen verpufft also ein Teil der Wirkung. Umgekehrt kann eine ärztlich begleitete Therapie es manchen Männern überhaupt erst ermöglichen, Muskeln aufzubauen und abzunehmen. Ob das bei dir so ist, klärst du mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.
Wichtig zu wissen ist auch, dass Testosteron von außen die eigene Bildung im Körper bremst, und mit ihr die Bildung der Spermien. Wer noch Kinder möchte, sollte das unbedingt vor jeder Entscheidung ansprechen. Und eine Therapie braucht regelmäßige ärztliche Kontrollen, etwa der roten Blutkörperchen und der Prostata.
Und was ist mit Testo-Boostern aus dem Internet? Die gängigen Produkte bringen meist wenig, und ihre Qualität schwankt stark. Gezielt ausgewählte Pflanzenstoffe können etwas beitragen, aber erst, wenn alle Grundlagen stehen, und auch dann weniger als diese. Ist das Verhältnis deutlich zum Östrogen verschoben, können Pflanzenstoffe, die den Abbau von Östrogen unterstützen, ein Baustein sein. Die Basis bleiben aber Schlaf, Krafttraining, Ernährung, Stressmanagement und ein Ausgleich echter Nährstoffmängel, etwa bei Vitamin D und Zink.



