Was Progesteron in deinem Körper leistet
Progesteron wird oft nur als Schwangerschaftshormon gesehen. Tatsächlich hat es viel mehr Aufgaben, und genau deshalb macht ein Mangel so unterschiedliche Beschwerden.
Seine bekannteste Aufgabe betrifft die Gebärmutter. In der ersten Zyklushälfte baut Östrogen die Schleimhaut auf. Nach dem Eisprung übernimmt Progesteron, stoppt das Wachstum und baut die Schleimhaut so um, dass sich eine befruchtete Eizelle einnisten kann. Kommt es zur Schwangerschaft, hält Progesteron die Schleimhaut stabil und hilft dem Immunsystem, das Neue im Körper zu akzeptieren.
Mindestens genauso wichtig ist seine Wirkung auf das Gehirn. Der Körper wandelt Progesteron in einen Stoff namens Allopregnanolon um. Er verstärkt die Wirkung von GABA, dem wichtigsten beruhigenden Botenstoff im Nervensystem. Das Ergebnis: Das System fährt herunter, Stress wird besser abgepuffert, Ängste werden leiser, und das Einschlafen fällt leichter. Fehlt Progesteron, fehlt diese natürliche Beruhigung. Viele Frauen merken das zuerst am Schlaf.
Progesteron wirkt außerdem entwässernd und ist damit ein Gegenspieler zum Östrogen, das Wasser einlagert. Es kann den Blutdruck leicht senken, unterstützt den Knochenaufbau und wirkt entzündungshemmend. Auch für Gehirn und Nerven hat es eine schützende Wirkung.
Und es arbeitet eng mit der Schilddrüse zusammen. Progesteron verbessert die Empfindlichkeit der Zellen für das aktive Schilddrüsenhormon T3. Umgekehrt braucht der Eisprung, aus dem das Progesteron entsteht, eine gut funktionierende Schilddrüse. Läuft eines davon nicht rund, leidet das andere mit, und es entsteht leicht ein Kreislauf aus müder Schilddrüse, schwachem Eisprung und wenig Progesteron.
Wenn du diese Aufgaben kennst, verstehst du auch die typischen Zeichen eines Mangels: schlechter Schlaf und innere Unruhe in der zweiten Zyklushälfte, Wassereinlagerungen und Brustspannen, eine kurze zweite Zyklushälfte und manchmal Schwierigkeiten, schwanger zu werden.
Warum der Eisprung der Schlüssel ist
Fast das gesamte Progesteron einer Frau im fruchtbaren Alter stammt aus einer einzigen Quelle: dem Gelbkörper. Er entsteht nach dem Eisprung aus der Hülle des Eibläschens, das die Eizelle freigegeben hat, und bildet etwa zwei Wochen lang Progesteron. Ohne Eisprung gibt es keinen Gelbkörper, und ohne Gelbkörper bleibt das Progesteron sehr niedrig. Die Nebennieren liefern nur kleine Mengen.
Das Tückische ist, dass man einen ausbleibenden Eisprung nicht unbedingt bemerkt. Die Gebärmutterschleimhaut wird trotzdem aufgebaut und irgendwann wieder abgestoßen. Die Blutung kommt also, vielleicht etwas unregelmäßiger, vielleicht etwas stärker. Viele Frauen erfahren erst über eine Messung, dass ihr Zyklus ohne Eisprung lief.
Warum bleibt der Eisprung aus? Der Körper ist klug. Ein Eisprung ist nur sinnvoll, wenn die Bedingungen für eine Schwangerschaft gut sind. Steht der Körper unter Dauerstress, bekommt er zu wenig Energie über die Nahrung oder wird er durch sehr viel Sport stark gefordert, fährt das Gehirn die Steuerhormone LH und FSH herunter. Evolutionär ergibt das Sinn: In einer Hungersnot oder auf der Flucht ist ein Baby keine gute Idee.
Dazu kommen hormonelle Gründe. Die Schilddrüse liefert mit T4 einen Beitrag zur Reifung der Eizelle und mit T3 zum Eisprung. Ein erhöhtes Prolaktin bremst die Eierstöcke, das ist in der Stillzeit gewollt, kann aber auch durch Stress entstehen. Eine Insulinresistenz stört die Auswahl der Eizelle, die springen soll, wie beim PMOS (früher PCOS).
Und schließlich das Alter. Ab Mitte 30 werden Zyklen ohne Eisprung bei vielen Frauen häufiger. Deshalb sinkt das Progesteron oft Jahre vor dem Östrogen, und die ersten Zeichen der hormonellen Veränderung sind oft schlechterer Schlaf und stärkeres PMS.
Progesteron richtig messen
Progesteron ist ein Hormon, bei dem der Zeitpunkt der Blutabnahme alles entscheidet. In der ersten Zyklushälfte ist es bei jeder Frau niedrig, auch bei einer völlig gesunden. Erst nach dem Eisprung steigt es an und erreicht etwa eine Woche später seinen Höhepunkt. Wer am fünften Zyklustag Progesteron misst, findet immer einen niedrigen Wert und weiß hinterher nichts.
Bei einem regelmäßigen 28-Tage-Zyklus liegt der richtige Zeitpunkt um den 19. bis 21. Tag. Ist dein Zyklus länger oder kürzer, verschiebt sich das Fenster. Entscheidend ist der Abstand zum Eisprung, nicht der Kalendertag. Darum hilft es, den Eisprung vorher einzugrenzen, etwa mit Ovulationstests aus der Apotheke oder über die Körpertemperatur am Morgen, die nach dem Eisprung leicht ansteigt.
Dazu kommt, dass Progesteron von Zyklus zu Zyklus schwanken kann. Ein einzelner niedriger Wert kann bedeuten, dass in diesem Zyklus kein Eisprung stattgefunden hat. Er sagt aber noch nicht, dass das jeden Monat so ist. Deshalb betrachten wir den Wert immer zusammen mit deinem Zyklustagebuch und deinen Beschwerden und schauen bei Bedarf in einem weiteren Zyklus noch einmal hin.
Gemeinsam mit dem Progesteron schauen wir auf das Östradiol, um das Verhältnis der beiden zu sehen. Wichtig sind außerdem die Schilddrüse, das Prolaktin und der Blutzucker, weil sie zeigen, warum der Eisprung schwächelt.
Unter der Pille lässt sich der eigene Progesteronspiegel nicht beurteilen, weil sie den Eisprung unterdrückt. Wer seine Werte kennen möchte, lässt sie nach dem Absetzen bestimmen, wenn sich der eigene Zyklus wieder eingespielt hat. Und in der Perimenopause, wenn der Zyklus unregelmäßig wird, ist der richtige Tag oft schwer zu treffen, dann zählt das Gesamtbild aus Zyklus und Beschwerden umso mehr.
Was deinem Progesteron helfen kann
Weil Progesteron am Eisprung hängt, geht es fast immer darum, dem Eisprung gute Bedingungen zu geben.
Iss genug. Gerade Frauen, die sich sehr bewusst ernähren, essen oft zu wenig, vor allem zu wenig Eiweiß und zu wenig Kohlenhydrate. Für den Körper ist das Mangel, und Mangel bremst den Eisprung. Regelmäßige Mahlzeiten mit Eiweiß, Gemüse, gesunden Fetten und komplexen Kohlenhydraten geben ihm das Signal, dass genug da ist. Fette liefern zudem Bausteine, und aus Cholesterin bildet der Körper alle Geschlechtshormone.
Bring dein Stresssystem zur Ruhe. Dauerstress ist einer der häufigsten Gründe für einen schwachen Eisprung. Feste Pausen, Spaziergänge, Atemübungen, ein ruhiger Abend und genug Schlaf sind keine Nebensache, sondern direkte Unterstützung für deine Hormone.
Dosiere dein Training. Bewegung ist gut für die Hormone, sehr viel intensiver Sport zusammen mit wenig Essen ist es nicht. Krafttraining und lockere Ausdauer in einem Maß, das dir Energie gibt statt sie zu nehmen, sind meist ideal.
Schau auf deine Schilddrüse und deine Nährstoffe. Jod, Selen und Eisen für die Schilddrüse, Magnesium für die Hormonbildung und Vitamin D sind häufige Lücken, die sich gut schließen lassen. Welche davon dich betreffen, zeigt dein Befund, denn ein Nährstoff, der schon gut versorgt ist, bringt dir in höherer Dosis nichts.
Führ ein Zyklustagebuch. Länge des Zyklus, Länge der zweiten Zyklushälfte, Schmierblutungen, Schlaf und Stimmung zeigen dir über einige Monate, ob sich etwas verändert.
Und wenn das alles nicht reicht oder die Lebensphase es nahelegt, etwa in der Perimenopause oder bei Kinderwunsch, kann eine ärztliche Begleitung mit Progesteron in der zweiten Zyklushälfte eine Option sein. Das entscheidest du mit deiner Frauenärztin oder deinem Frauenarzt. Wie viel das ausmachen kann, sehen wir in unserer Praxis immer wieder. Eine Kundin Mitte 40, mitten in der Perimenopause, hatte immer wieder Zyklen ohne Eisprung. Ihr Östrogen war teils schon niedrig, im Verhältnis zum fehlenden Progesteron aber trotzdem zu hoch, und sie konnte nicht mehr vernünftig schlafen. Ihre Ärztin verordnete ihr bioidentisches Progesteron. Danach schlief sie deutlich besser, war belastbarer im Stress, und ihre Blutungen wurden schwächer.
