Deine Gene sind eine Landkarte, kein Urteil
Ein Gentest liefert eine Fülle an Informationen. Viele Menschen erschrecken, wenn sie ihren Bericht zum ersten Mal lesen: „langsame Variante“, „eingeschränkte Aktivität“, „erhöhter Bedarf“. Das klingt dramatisch, ist es aber meistens nicht.
Um zu verstehen, warum, hilft ein Blick darauf, was Gene eigentlich sind. Ein Gen ist ein Bauplan, meist für ein Eiweiß, oft für ein Enzym. Enzyme sind kleine Werkzeuge, die im Körper Stoffe umbauen, aufbauen oder abbauen. Eine Genvariante ist eine kleine Abweichung im Bauplan, oft nur ein einziger Buchstabe. Das Werkzeug wird trotzdem gebaut, es arbeitet vielleicht nur etwas schneller oder langsamer als der Durchschnitt.
Jeder Mensch trägt Tausende solcher Varianten. Die meisten sind völlig unauffällig, viele sind sehr häufig. Und ob eine Variante sich bemerkbar macht, hängt stark davon ab, was das Werkzeug zu tun bekommt und welche Hilfsstoffe es zur Verfügung hat. Ein Enzym, das etwas langsamer arbeitet, kommt gut zurecht, solange es nicht überlastet wird und genug von den Vitaminen oder Mineralien hat, die es zum Arbeiten braucht.
Deine Gene sind deshalb eine Landkarte. Sie zeigen, wo dein Körper Stärken hat und wo er vielleicht mehr Unterstützung braucht. Sie sagen aber nicht, wie dein Weg verlaufen wird. Wie sehr eine Variante eine Rolle spielt, hängt stark davon ab, wie du lebst, was du isst, wie viel Stress du hast und wie gut du versorgt bist.
Ein Beispiel ist MAO-A. Bei einer langsamen Variante werden Adrenalin und Noradrenalin langsamer abgebaut. Das kann es begünstigen, dass sich Stress länger im Körper hält, man nach einer Aufregung länger braucht, um runterzukommen. Passen Lebensstil und Stressmanagement, spielt die Variante im Alltag aber oft kaum eine Rolle.
Darum ist nichts an deinem Ergebnis absolut. Es ist ein Hinweis, mit dem du arbeiten kannst, kein Schicksal. Und genau so gehen wir mit Genetik um: Wir schauen, wo deine Landkarte dir einen Tipp gibt, und richten deinen Lebensstil so aus, dass er zu deiner Genetik passt.
MTHFR einfach erklärt
MTHFR ist die Variante, über die wir am häufigsten sprechen. Sie ist extrem verbreitet. Ein großer Teil der Bevölkerung trägt mindestens eine Kopie einer der bekannten Varianten, und bei vielen Menschen macht sie überhaupt keine Probleme.
Das Gen MTHFR enthält den Bauplan für ein Enzym, das Folat aus der Nahrung in seine aktive Form umwandelt. Diese aktive Form wird gebraucht, um Methylgruppen bereitzustellen. Methylgruppen sind kleine Bausteine, die der Körper ständig an andere Stoffe anheftet oder abnimmt, um sie zu verändern. Er braucht sie für die Bildung und Regulation von Botenstoffen im Gehirn, etwa Serotonin und Dopamin, für den Abbau von Hormonen wie Östrogen und von Histamin und teilweise für die Energiegewinnung. Auch die Steuerung, welche Gene an- und abgeschaltet werden, läuft über Methylgruppen.
Bei einer MTHFR-Variante arbeitet das Enzym unter Umständen etwas langsamer. Dann werden möglicherweise nicht genug Methylgruppen bereitgestellt. Das muss nicht so sein, ist aber wahrscheinlicher, vor allem wenn gleichzeitig zu wenig Folat, B12 oder B6 vorhanden ist. Spürbar werden kann das an Schlaf, Stimmung oder der hormonellen Balance.
Ein wichtiger Messwert ist dabei das Homocystein. Es entsteht im selben Stoffwechselkreislauf und staut sich an, wenn die Methylierung nicht rund läuft. Ein erhöhtes Homocystein ist deshalb ein Hinweis, dass die Variante bei dir tatsächlich eine Rolle spielt, und es kann selbst die Gefäße belasten.
Was wir in so einem Fall tun: Zuerst schauen wir ins Blut. Homocystein, Folat, B12 und B6 zeigen, ob Handlungsbedarf besteht. Ist das der Fall, achten wir auf genug Folat aus der Ernährung, etwa aus grünem Blattgemüse, Hülsenfrüchten und Kräutern, und auf eine gute Versorgung mit den Vitaminen B9, B12 und B6, wenn nötig in ihrer aktiven Form. Nicht jeder braucht dabei alles. Je nach Lage können auch Kreatin oder kurze tägliche Essenspausen sinnvoll sein. Kreatin wird im Körper unter hohem Verbrauch von Methylgruppen gebildet. Wer es über die Nahrung oder als Supplement zuführt, entlastet den Kreislauf.
Welche Gene wir anschauen und warum
Aus einem Gentest lassen sich unzählige Varianten herauslesen. Nicht alle sind für deinen Alltag wichtig. Viele sind wissenschaftlich kaum untersucht, und bei manchen weiß man nicht, ob sie überhaupt einen Effekt haben. Wir konzentrieren uns auf Abschnitte, die gut untersucht sind und aus denen sich etwas für Ernährung, Nährstoffe und Lebensstil ableiten lässt.
Dazu gehören Gene für den Abbau von Botenstoffen wie COMT und MAO-A. COMT ist unter anderem am Abbau von Dopamin, Adrenalin und Östrogen beteiligt. Menschen mit einer langsamen COMT-Variante sind oft sehr konzentriert und gründlich, reagieren aber empfindlicher auf Stress. Für sie können Magnesium, ein guter Umgang mit Stress und eine gute Versorgung mit B-Vitaminen besonders wichtig sein.
Gene wie HNMT sind am Abbau von Histamin beteiligt. Wer histaminreiche Lebensmittel schlecht verträgt, findet hier manchmal eine Erklärung, die über die bekannten Unverträglichkeiten hinausgeht.
GST und GPX gehören zu den körpereigenen Schutzsystemen gegen oxidativen Stress. GPX braucht Selen, um zu arbeiten. GST-Enzyme werden durch bestimmte Pflanzenstoffe unterstützt, etwa aus Kohlgemüse wie Brokkoli, Rosenkohl oder Grünkohl.
Ein schönes Beispiel ist NOS3. Das Gen ist an der Bildung von Stickstoffmonoxid in den Gefäßwänden beteiligt, einem Stoff, der die Gefäße weit stellt und die Durchblutung verbessert. Bei manchen Varianten kann es sinnvoll sein, mehr nitratreiche Lebensmittel zu essen, etwa Rote Bete, Rucola oder Spinat. Der Körper kann aus dem Nitrat in diesen Lebensmitteln über einen zweiten Weg ebenfalls Stickstoffmonoxid bilden, unabhängig vom Enzym.
So entsteht aus dem Gentest etwas Konkretes: welche Lebensmittel dir besonders guttun, welche Nährstoffe du vielleicht in etwas höherer Dosis brauchst und wie du mit Stress umgehen kannst. Und es entsteht etwas, das man sonst selten hat: eine Erklärung dafür, warum dir manche Dinge leichter fallen als anderen und andere schwerer.
Was wir nicht machen
Wir machen keine Gendiagnostik und bieten keine Gentests an. Das Gendiagnostikgesetz regelt in Deutschland streng, wer genetische Untersuchungen durchführen, wer sie veranlassen und wer dazu beraten darf. Wer schon einen Test bei einem anderen Anbieter gemacht hat, bekommt seine Ergebnisse von uns erklärt.
Wie hoch dein persönliches Risiko für eine Erkrankung ist, schätzen wir nicht ein, das gehört in eine ärztliche genetische Beratung. Weißt du schon von deiner Ärztin oder deinem Arzt, dass du etwa ApoE4 trägst, begleiten wir dich bei Ernährung und Lebensstil. Das gilt zum Beispiel für Varianten, die mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder mit anderen Erkrankungen in Verbindung gebracht werden. Solche Fragen brauchen eine ärztliche Einordnung, oft auch weitere Untersuchungen und manchmal eine Beratung der ganzen Familie. Fällt uns in deinen Daten etwas auf, das ärztlich angeschaut werden sollte, sagen wir dir das.
Wir stellen auch keine Diagnosen aufgrund deiner Gene. Eine Genvariante ist keine Krankheit, und eine fehlende Variante ist keine Garantie für Gesundheit.
Was wir machen, ist die Übersetzung in den Alltag: Was bedeutet die Variante für deine Ernährung, deine Nährstoffe und deinen Lebensstil? Wie spielt sie mit deinen Blutwerten und deinen Beschwerden zusammen? Und wie bringst du das in deinen Fahrplan?
Dafür verbinden wir die Genetik immer mit der Anamnese und, wo es Sinn macht, mit Blutwerten. Erst diese Kombination macht aus einer Liste von Buchstaben etwas, mit dem du arbeiten kannst. Und oft zeigt sich dabei, dass eine Variante, die im Bericht dramatisch klang, bei dir gerade gar keine Rolle spielt, weil deine Versorgung gut ist und dein Lebensstil passt. Genau diese Entwarnung ist für viele Menschen der größte Gewinn.



