TSH, fT4 und fT3: der Regelkreis verständlich erklärt
Die Schilddrüse arbeitet wie eine Heizung mit Thermostat. Das Thermostat sitzt im Gehirn, in der Hirnanhangsdrüse. Es misst, wie viel Schilddrüsenhormon im Blut ist. Ist zu wenig da, schickt es mehr TSH zur Schilddrüse, das heißt so viel wie: Mach mehr! Ist genug da, schickt es weniger TSH. Fachleute nennen das einen Regelkreis mit Rückkopplung.
Die Schilddrüse antwortet vor allem mit T4. T4 ist eine Vorstufe, eine Art Rohstoff, der im Körper verteilt wird. Erst in den Organen wird daraus T3, das aktive Hormon. T3 dreht in den Zellen die Heizung auf: Es treibt den Energiestoffwechsel an, die Verdauung, die Körperwärme, den Herzschlag und die Aktivität im Gehirn.
In der Theorie reicht es deshalb, das TSH zu kennen. Ist es normal, müssten auch die Hormone normal sein. In der Praxis stimmt das oft nicht. Viele kommen mit dem Satz „Die Schilddrüse ist normal“ zu uns und haben trotzdem Beschwerden, die nicht dazu passen. Normal heißt dann oft nur, dass der Wert irgendwo im Referenzbereich liegt. Wir sehen regelmäßig Befunde, in denen zwei Menschen fast dasselbe TSH haben, der eine aber gute freie Hormone und der andere ein deutlich zu niedriges fT3. Und wir sehen Befunde mit sehr unterschiedlichem TSH und fast gleichen freien Hormonen. Das TSH zeigt eben nur das Signal, nicht das Ergebnis.
Darum empfehlen wir immer TSH, fT4 und fT3 zusammen. Das „frei“ bedeutet dabei, dass nur der Teil der Hormone gemessen wird, der nicht an Eiweiße gebunden ist und tatsächlich wirken kann.
Beim TSH reicht die Labornorm teils bis über 4. Viele Menschen haben aber schon deutlich darunter Beschwerden, optimal liegt das TSH meist unter 2. Bei den freien Hormonen ist der günstige Bereich sehr individuell. Entscheidend ist, ob deine Werte zu deinen Beschwerden passen. Wenn du frierst, müde bist, eine träge Verdauung hast und dein fT3 am unteren Rand liegt, ist „im Normbereich“ keine befriedigende Antwort.
Wichtig ist auch: Eine einzelne Messung ist eine Momentaufnahme. Die Schilddrüsenwerte, vor allem das TSH, schwanken, zum Beispiel mit der Tageszeit, nach einem Infekt oder in Stressphasen. Wichtige Schlüsse ziehen wir deshalb aus dem Verlauf, nie aus einem einzigen Befund.
Wenn die Umwandlung hakt: Selen, Stress und Reverse T3
Viele Schilddrüsenprobleme, die wir sehen, entstehen gar nicht in der Schilddrüse selbst. Sie liefert genug T4, aber daraus wird nicht genug aktives T3. Man spricht dann von einer Umwandlungsstörung.
Für diese Umwandlung braucht der Körper Enzyme, und diese Enzyme brauchen Selen. Fehlt Selen, bleibt mehr T4 liegen, und das aktive T3 sinkt. Auf dem Befund sieht das dann so aus: TSH unauffällig, fT4 gut, fT3 niedrig. Wer nur das TSH misst, sieht davon nichts. Ein einfacher Selenmangel kann also hinter Beschwerden stecken, die nach einer trägen Schilddrüse aussehen, und Selen gehört selten zu den Standardwerten. Selen hat noch eine zweite Aufgabe: Bei der Hormonbildung in der Schilddrüse entsteht Wasserstoffperoxid, und selenabhängige Enzyme machen es unschädlich. Fehlt Selen, kann das Gewebe der Schilddrüse leichter gereizt werden.
Ein zweiter Grund ist der Stress. Der Körper kann T4 nicht nur in das aktive T3 umwandeln, sondern auch in eine spiegelverkehrte Form, das Reverse T3. Es sieht dem T3 sehr ähnlich, passt aber nicht richtig. Es setzt sich auf die Andockstellen des T3 und blockiert sie, ohne selbst zu wirken. Stell dir zwei Kopfhörer vor, einen für links und einen für rechts. Sie sehen fast gleich aus, aber der linke passt nicht ins rechte Ohr.
Das ist eigentlich ein kluger Schutzmechanismus. Bei Dauerstress, schweren Infekten, Entzündungen oder Hunger schaltet der Körper damit auf Sparflamme, um Energie zu sparen. Hält dieser Zustand aber lange an, fühlt sich das an wie eine Unterfunktion: Müdigkeit, Kälte, schwere Beine, ein langsamer Kopf.
Das Reverse T3 gehört nicht zu den Standardwerten und wird nicht von jedem Labor gemessen. Wir empfehlen es dann, wenn die übrigen Werte nicht zusammenpassen oder Stress offensichtlich eine große Rolle spielt. In solchen Fällen hilft es wenig, nur auf die Schilddrüse zu schauen. Dann sind Stressmanagement, ausreichendes Essen und das Beruhigen von Entzündungen die eigentlichen Hebel.
Die Bausteine: Jod, Eisen, Selen und Eiweiß
Wer ein Haus bauen will, braucht Steine. Die Schilddrüse ist nicht anders. Für ihre Hormone braucht sie bestimmte Bausteine, und wenn die fehlen, kann sie nicht liefern, auch wenn sie selbst völlig gesund ist.
Das Gerüst der Schilddrüsenhormone besteht aus der Aminosäure Tyrosin, die der Körper aus Eiweiß gewinnt. An dieses Gerüst wird Jod angehängt: vier Jodatome beim T4, drei beim T3. Ohne genug Jod geht also nichts. Deutschland ist ein Jodmangelgebiet, und wer wenig Fisch und Milchprodukte isst oder kein Jodsalz verwendet, ist schnell unterversorgt. Jod lässt sich allerdings nur schwer zuverlässig messen. Am ehesten nutzt man dafür den Urin, aber auch der ist nur ein grober Anhaltspunkt.
Eisen ist zwar kein Teil des Hormons, aber ein Enzym der Schilddrüse, das die Hormone zusammensetzt, braucht Eisen, um zu arbeiten. Darum hängen Eisenmangel und eine träge Schilddrüse so oft zusammen, besonders bei Frauen. Viele haben ein Ferritin zwischen 20 und 50, das laut Labor noch kein Mangel ist und trotzdem schon bremsen kann. Häufig sinkt ein erhöhtes TSH wieder, wenn ein Eisenmangel ausgeglichen wird.
Selen braucht es für die Umwandlung von T4 in T3 und für den Schutz der Schilddrüse. Auch hier liegt Deutschland in einem Mangelgebiet, weil die Böden wenig Selen enthalten. Selen lässt sich am besten im Vollblut bestimmen, wie die anderen Mineralien.
Und schließlich das Eiweiß. Die Sorge, zu viel Eiweiß zu essen, ist bei den meisten unbegründet. Viel häufiger sehen wir das Gegenteil, besonders bei Frauen, die wenig essen.
Daraus folgt eine einfache Reihenfolge: erst die Bausteine prüfen und auffüllen, dann sehen, wie die Schilddrüse reagiert. Oft ist das der erste und wichtigste Schritt. Ob darüber hinaus ein Medikament nötig ist, entscheidet deine Ärztin oder dein Arzt.
Antikörper und Verlauf: wann es ärztlich wird
Bei manchen Menschen steckt hinter einer trägen Schilddrüse ein Autoimmunprozess. Das Immunsystem bildet dann Antikörper gegen Bestandteile der eigenen Schilddrüse. Die bekannteste Form ist die Hashimoto-Thyreoiditis, eine chronische Entzündung der Schilddrüse.
Drei Antikörper spielen dabei die Hauptrolle. TPO-Antikörper richten sich gegen ein Enzym, das die Hormone bildet, und sind typisch für Hashimoto. TG-Antikörper richten sich gegen das Speichereiweiß der Hormone und sind weniger eindeutig. TRAK, die Antikörper gegen den TSH-Rezeptor, sind typisch für eine Überfunktion vom Typ Basedow, weil sie die Schilddrüse ständig antreiben.
Erhöhte Antikörper sind ein wichtiger Hinweis, aber noch keine Diagnose. Sie können auch vorübergehend steigen, etwa nach einem Infekt. Und nicht jeder mit erhöhten Antikörpern hat sofort eine Unterfunktion, bis sich die Schilddrüse messbar verändert, können Jahre vergehen. Die Diagnose stellt deine Ärztin oder dein Arzt aus Antikörpern, Hormonwerten, Beschwerden, Verlauf und meist einem Ultraschall.
Eine Besonderheit bei Hashimoto ist der Schub. Wenn das Immunsystem Schilddrüsenzellen zerstört, werden die darin gespeicherten Hormone auf einmal frei. Die Werte sehen dann kurzzeitig nach einer Überfunktion aus, obwohl eigentlich eine Unterfunktion dahintersteckt. Spätestens hier gehört die Einschätzung in ärztliche Hände.
Wir begleiten dich bei Hashimoto zusätzlich zur ärztlichen Behandlung. Wir sehen dabei oft auch Baustellen im Darm, beim Stress und bei den Nährstoffen, besonders beim Selen. Die Frage, ob und wie viel Jod für dich sinnvoll ist, gehört in die ärztliche Sprechstunde.
Und wenn du Schilddrüsenhormone nimmst? Dann sprich mit deiner Ärztin oder deinem Arzt ab, ob du sie am Morgen der Blutabnahme erst danach nimmst. Wichtig ist vor allem, es jedes Mal gleich zu machen, damit sich die Befunde vergleichen lassen. Und denk an Biotin: Es steckt oft in Präparaten für Haut, Haare und Nägel und kann die Schilddrüsenwerte verfälschen.
